Margit Breuss - Sisi für alle!

 

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Ja, früher, da war es einfach. Wenn die Damen und Herren Adeligen in ihren Kutschen durch die Lande zogen, da wusste man: Das sind die Oberen. Und wo man selber war, wusste man spätestens, wenn einem das Genick steif wurde vom Hinaufschauen. Doch heute? Goldene Kutschen sind aus der Mode gekommen. Die Kaiserlichen sind abgeschafft. Ja, noch immer sind wir stolz auf die Sisi und die Lippizaner und die Philharmoniker. Die Sachertorte um 32 Euro das Stück verschicken wir noch immer in alle Welt. Aber gegenüber dem Sacher hat schon das Starbucks aufgemacht, in Schloss Schönbrunn werden Seminarräume vermietet und der Herr Bundespräsident hält seine geschenkten Rösser in der Freudenau statt in der Hofburg. Sicherlich, Reste höfischer Respekterweisung finden sich noch in manch liebenswerten Bräuchen: Ein paar Herren Hofräte und Geheimräte und Regierungsräte haben wir noch, und ein richtiger studierter Doktor ist hier noch jemand. Zumindest bei Oma und auf dem Lande. Aber nichts mehr ist wie früher. Schon haftet den Räten etwas Verstaubtes an und bald werden sie wohl ganz aussterben. Ja, vorbei sind die Zeiten, in denen unsereins noch ganz genau wusste, wem man seinen Respekt erweisen konnte. Heutzutage müssen wir nachlesen, wer sie sind, die da oben. Die das haben, was wir nicht haben. Würde, Ruhm und Ehre oder einfach nur Geld und Glorie. Auf Hochglanz posieren sie vor Villen und Swimmingpools, oder auch auf ganz normalen Parkbänken. In T-Shirts tummeln sich echte ausländische Prinzen auf unechtem englischem Rasen durch die Regenbogenpresse. Und POP-Stars, beim Shopping von einem Papparazzo erwischt, schauen auch nicht viel anders aus als des Nachbarn fesche Susi.

Und weil heute aussieht wie Du und ich, wer früher zu den Dekadenten gehörte, die es sich leisten konnten, ist es heutzutage aussichtsreich, sich selber in Dekadenz zu versuchen. Ja, früher, da brauchte es die Besonderen, um selber den Hauch des Besonderen zu spüren. Die Frau zu sein, die einen Blick der Kaiserin erhaschte oder der Mann, der seiner Eminenz die Hand schüttelte. Doch heute können wir es selber, das Besonderssein. Wir alle sind heute besser, reicher, fescher, ein jeder sein eigener kleiner Prinz: Hinz kauft Kleidung made in Taiwan, um auf den Urlaub in Havanna zu sparen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Dafür spendet er für die Unicef. Friederike schaut auf Qualität: Auswahl ist alles. Siebenundzwanzig Sorten Joghurt im Regal, das Preis/Leistungsverhältnis stets im Auge, weiß sie alles über Fett- und Calcium-Ionengehalt. Um die Bauern kümmert sich die EU mittels Stillegungsprämien und was da so die Brennerautobahn entlang wächst, ist ja eh nicht gesund, wenn es in die Milch gerät. Und Heiner ist wahrlich gebildet: Er weiß, dass der Domingo letzthin die Fedora absagte, weder Papayas noch Mangos sind ihm fremd. Sushi isst er immer Mittwochs, das Cous-Cous kommt gleich aus der Packung auf den Tisch und in der Millionenshow kommt er stets bis zur 10000 Euro Frage, besonders wenn Tante Herta und Onkel Toni mitraten. Und wenn er etwas nicht weiß, hat er es hinterher stets vorher schon gewusst. Und Susi findet das alles ganz reizend und rosenrot, und Fritz und Heiner sind sowieso ganz patente Leute. Fritz geht fremd und Heiner hält schmutzige Aktien. Aber Fritz ist ein ganz reizender Tischpartner und Heiner hat so schöne blaue Augen.

Aber der wahre Dekadente heutzutage ist der moderne Asket. Er weiß: Konsum ist nicht alles. Er hebt sich ab von diesem Mittelmaß, in dem heutzutage schon jeder sein Dekadenzlein pflegt. Er liebt die Meditation, die Ruhe, pure Natur und ein gutes Glas Wein. Diese moderne, nach immer mehr strebende Leistungsgesellschaft ist ihm ein Gräuel. Er macht lediglich mit, um das Geld zu verdienen, das die Askese nun einmal kostet, Evian, Klostermauern und ein Haus in der Toscana sind nun einmal nicht gratis.