Daniel Furxer - Kalaschnikow Mirko

 

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An einem Tag zum Meer und wieder zurück. Kalaschnikow Mirko war übergeschnappt. Zum zweiten Mal. Sechs Stunden nach St. Tropez, vier Stunden in St. Tropez, sechs Stunden zurück. Wie geht's dir danach Mirko? Auf dem Weg zurück hielten wir auf der Höhe Aix-en-Provence und tranken um Mitternacht an einer Autobahnraststätte einen Automatenkaffee. Dann kaufte sich Kalaschnikow Mirko eine völlig veraltete Ausgabe des Playboys, im Doppelpack um den Preis von einem Heft. Egal. Wer legt schon wert auf die Aktualität der Geschichten? Kalaschnikow Mirko tat es nicht. Die Playmates der Monate April und Mai 1999 sahen immer noch blendend aus.
Autobahnschilder mit unaussprechlichen französischen Aufschriften. Dann wieder: St. Tropez 435 km. Etwas später: St. Tropez 380 km. Das beruhigte mich. Die Landschaft zog an uns vorbei. Ich rechnete hoch, wann wir ungefähr in St. Tropez ankommen würden.
Unvermittelt begann er zu erzählen. Ich hatte ihn nicht darum gebeten. Mir gefiel die Minimal Music, die sein Autoradio ausspuckte. Hätte fast von Steve Reich sein können. Kalaschnikow Mirko erzählt mir die Geschichte vom Krieg: Mir wollte einer von hinten die Kehle durchschneiden, ich hab mich schnell geduckt. Er erwischte nur meine Stirn. Ich drehte mich blitzschnell um und stach ihn nieder. Jetzt war er halt tot.
Das Mädel auf dem Foto ist sehr hübsch.
Das ist meine Schwester. Diese hier erinnert mich an meine Freundin Minka.
Als wir endlich da waren, kein kühles Bier. Er bestand darauf, die letzten Sonnenstrahlen um 19:30 auszunützen, um den Strand bis zum Leuchtturm abzugehen. Danach tranken wir endlich einen Kaffee.
Ich bin damit beschäftigt, den Aufdruck auf seinem T-Shirt zu lesen. Ich lese: Kalaschnikow World Tour: Somalia 1993, Ruanda 1994, Uganda 1995, Tschetschenien 1994-96, Afghanistan 2001, to be continued…
Mirko erzählt weiter: Ich war Anführer eines Trupps in Tschetschenien. Ich hab jeden Abend gezählt, ob noch alle da sind. Oft haben welche gefehlt. Ich hab viele meiner besten Freunde verloren.
Ich hab kurz darauf auch verloren. Gegen Kalaschnikow Mirko. Die türkisch stämmige Französin, mit der ich einige Tage vorher noch im Bett gelegen hatte. Naja, jetzt schlief sie halt mit dem Russen, dem Anführer gegen die Tschetschenen. Zwei Kriegsdienstjahre hat er in Tschetschenien verbracht. Ich sitze mit einem Mörder im Auto. Bringt er mich jetzt auch um, weil ich mit ihm um die gleiche Frau buhle?
Milan, der Freund von Mirko, den hätte ich bald vergessen. Der war auch dabei. Bei unserem Abstecher nach St. Tropez. In St. Tropez angekommen konnten sie nicht schnell genug die Gendarmerie finden. Zwei Russen zum ersten Mal in St. Tropez. Eilig schossen sie mit der Digitalkamera ein paar Fotos vor dem Gebäude. Wusste gar nicht, dass Luis de Funès auch im russischen Fernsehen läuft. Naja, auch recht.
Bevor wir losfahren essen wir noch Ravioli, kalt und aus der Dose.
Auf der Rückfahrt spricht Kalaschnikow Mirko davon, wie wunderschön seine Schwester ist. Es stimmt. Ich habe das Foto auch gesehen. Und der kleine Franzose, Philip auch. Allen hat er das Foto gezeigt. Ich glaube Philip hat sich bereits in sie verliebt.
Als wir wieder auf dem Parkplatz halten, auf dem wir vor 16 Stunden losgefahren sind, hält er inne. Er zieht seine Packung Zigaretten aus der Jackentasche heraus und bietet mir eine an. Wir sitzen im Auto und rauchen gemeinsam. Wie am Anfang der Fahrt.