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NACHBETRACHTUNG Hermes Phettberg mit Co & Bi auf Tirol-Tour - Ein Rückblick auf die erste tirolweite Präsentation einer Co & Bi Ausgabe von Daniel Furxer
In Lienz, Fieberbrunn, Landeck und Sterzing lasen die drei von der neuesten Co & Bi Ausgabe Nr. 18 - dem literarischen Plastiksackerl und unterhielten das Publikum mit skurrilen Themen wie "knackigen Zivildienern in versauten Bluejeans". Dazwischen gab es u.a. melancholische Musikuntermalungen durch den Cellisten und Schauspieler Florian Hackspiel, der lediglich mit einer Unterhose bekleidet, die Bühne betrat. Nicht weniger Aufsehen erregend die Bekleidung der beiden Co & bi Autoren: Sie traten mit absurden Zwangskombinationen von Pen's Bungalow (Wiener Designerlabel) auf, die Herrn Phettberg zu wagemutigen sexuellen Spekulationen veranlassten. Das Thema "Dekadenz & Askese", Motto der Plastiksackerlausgabe kam auch nicht zu kurz. Herr Phettberg stellte jegliche Existenz von Dekadenz in Abrede, konnte und wollte sich nichts Dekadentes vorstellen. Alles sei schon in unsere Kultur integriert. In einem Text, den er in einem Mail an Herrn Schafferer formuliert und den er auch auf dieser Tour gelesen hatte, stellte er seine asketisch-dekadente Lust zur öffentlichen Auspeitschung jedoch noch nicht in Abrede. Die vier Auftritte der Tirol-Tour von Hermes Phettberg und Co & Bi waren sehr gut besucht und das Publikum von der schrägen Mischung aus Talk, Lesung und Musik begeistert.
"Das literarische Plastiksackerl" erschien in Kooperation mit der Firma MPREIS in einer Auflage von 300.000 Stück. Es ist bis Ende Februar offizieller Einkaufstasche der Tiroler Lebensmittelkette.
Wie Sisyphus ein bisschen Genuss erhaschen - Daniel Furxer interviewt Hermes Phettberg
Was bringen Sie mit dem Begriff Dekadenz in Verbindung? Was heißt überhaupt Dekadenz? Kommt das von der Frucht einer Dekade, die Dekade ist ja ein Zehnerblock? Oder kommt es von Kandiszucker? Aber da wäre ja das Wort Kandis, kandieren, enthalten. Was ist eine Kadenz? Ich würde sagen ein Ordnungsprinzip, wie in der Musik. De- heißt also, aus dieser Ordnung fallen. Eine Verschlampung also. Es ist aber nicht die Rede von der Not, von der Verzweiflung und von der Depression. Die Ingredienzien sind komplizierter. Ich bin ganz wenig Herr meiner Situation. Ist Dekadenz demnach, wenn man nicht Herr seiner Situation ist? Nein, eben nicht. Ich hasse ja überhaupt diese Wendung "Dekadenz und Askese". Es ist eine bigotte Altklugheit. Die Wörter "Dekadenz und Askese" sind von Kulturphilosophen und Theoretikern immer wieder befohlen worden. Schlagworte wie "Gelassenheit". "Geheimnis wahren" oder "scheitern" sind alles Parolen, die ausgerufen werden. Denen stehe ich äußererst feindlich gegenüber, weil ich ja überhaupt nicht Herr meiner Situation bin. Ich bin gar nicht in der Lage zu entscheiden, weil ich ja triebgesteuert und genusswütig bin und doch ein bisschen von dem zu erhaschen will, was genießbar wäre, von der Fleischeslust zum Beispiel. Und ich krieg nicht den geringsten Zipfel davon ab. Und dann komm ich am Abend heim, genusswütig irgendetwas zu genießen und kann doch nichts genießen. Ich stell mal die Behauptung in den Raum, dass es im ganzen Sprachraum vielleicht drei Menschen gibt, die die Entscheidungskraft haben, dekadent zu sein. Ich kenn ja überhaupt keinen dekadenten Menschen. Wie Sisyphus versuchen sie, die glatte Wand hinaufzuklettern, um ein bisschen Genuss zu erhaschen. Der Begriff ist also verfehlt? Die Dekadenz ist in Frage zu stellen, weil ich nicht weiß, ob sie überhaupt existiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch das ihm Möglichste im Möglichen tut. Er ist im letzten unbestechlich. Ich glaube, dass jeder Mensch letztendlich unbestechlich ist, in seinem eigentlichsten Ernst, der unter Umständen aber schwer zu erreichen ist, für ihn selber. Dieser Punkt der Unbestechlichkeit ist evolutionär gesprochen ein verlässlicher Punkt, warum die Menschheit so alt wurde, quasi das Schiff Menschheit, das nicht kentern konnte, weil in jedem ein Gerechtigkeitswahnsinn zugrunde liegt. Das einer garantiert immer abweichen wird. einer wird irgendwann kommen und abweichen. Das garantiert die Korrektur eines eventuellen Irrtums. Wie entstand Ihr Text in der Cognac & Biskotten Ausgabe Nr. 18? Ich hatte ja das Glück, dass gerade ein paar Wochen bevor ich den Text geschrieben habe, Anfang September, Alfred Gusenbauer, der Obmann der Sozialdemokraten, zu Gast bei den ORF-Sommergesprächen war. Da hat ihm Herrn Mück die haarsträubende Frage gestellt, ob das nicht eine Ungeheuerlichkeit sei, dass der sozialdemokratische Vorsitzende Spargel isst, während die Arbeiterschaft darben muss. Daraus resultiert mein Text eigentlich. Da Cognac & Biskotten zur selben Zeit anfragte, ob ich etwas dazu schreiben könnte, habe ich diesen Predigerdienst zur Verfügung gestellt. Ich bin ja wegen des Plastiksackerls bekannt und halte das literarische Plastiksackerl für eine phantastische Idee Die Idee, Dekadenz und Askese in Form eines Plastiksackerl zu veranschaulichen, trifft das Ihrer Meinung das Thema? Die Frage ist eher, ob das Thema überhaupt existiert. Ich wog am 28. August 2000 68 Kilo. Das heißt, ich war im Askeserausch. Der Askeserausch ist aber auch wieder ein Luxus, den ich mir leisten konnte. Ich hatte so viel Geld, dass ich ruhig schlafen konnte, und eben diesen Luxus treiben. Und das diente eigentlich nur der höheren sexuellen Lust, es war ein Suchtsprung, von der Fresssucht in die Sexsucht. Von daher war meine Askese dekadent. Ich habe abgemagert, damit ich wieder in knallenge Jeans passe und besser geprügelt werden kann. Insofern ist im Satz "Dekadenz und Askese" das Wort "und" das Um und Auf. Beziehungsweise ist dies die Formel des Lebens schlechthin. Wie ist das zu verstehen? Ein sehr guter Text ist der schwarz unterlegte Transparenttext von Jörg Zemmer. Der Text ist sehr lesenswert, weil er die Unmöglichkeit, diese zwei Begriffe zu fassen, sehr gut sichtbar macht. Am Klügsten ist wahrscheinlich das "und" zwischen den beiden Begriffen "Dekadenz und Askese". Das Gleichzeitige, weil wir alle diese Bedürfnisse haben. Nach Reinigung und nach Versauung. Ich arbeite überhaupt als jemand, der aus der sexuellen Welt verstoßen ist. Ich arbeite aus Eigeninteresse, aus Egoismus an der Frage: Wie komme ich zu Obszönität? Sie krieg ich nicht rum, das ist mir klar, gleichzeitig sind sie aber ein besonders gutmütiger und sanftmütiger Mensch. Die gleichzeitige Unerreichbarkeit ist ein Schmerz, weil es besonders weh tut. Natürlich würde jemand, der vor 100 Jahren gestorben ist, wenn er unser Gespräch hören würde, durch Sonne und Mond stürzen. Er würde sich wundern, wie verfallen die Menschheit ist und welche Themen Männer heute erörtern. Er würde sagen, wie dekadent. Es wäre früher absurd gewesen, wenn ein 50-jähriger zu einem 30-jährigen sagt, ich möchte dich liebkosen - und das mitten in Südtirol. Gibt es ein Entrinnen aus dieser Zweiheit? Nehmen wir das Gedicht "Durchschnittschwein", indem Thomas Schafferer schreibt. "Ich bin nicht groß, ich bin nicht klein, ich bin ein Durchschnittsschwein." Dieses Gedicht halte ich nicht aus, es tut mir wirklich weh. Es wühlt mich auf. Ich möchte nämlich bedeutend sein und groß, und kein Durchschnittschwein. Er trifft da einen sehr wunden Punkt. Und das lustig ist, dass diese Gedicht gar nicht auf dem Plastiksackerl oben ist. Das würde dringend raufgehören. In einer zweiten Auflage das unbedingt drauftun. Es wäre ja auch furchtbar, wenn in der ersten Klasse Volkschule skandieren würde: "Wir sind alle Durchschnittsschweine". Wäre das eine Evidenz, eine Erkenntnis der Menschen, wie wenig fähig wir überhaupt sind?, Sind wir manövrierfähig, wie weit sind wir überhaupt manövrierfähig? Welcher Spielraum steht uns überhaupt zu? Können wir überhaupt ausbrechen? Insofern, da die Menschheit einen gemeinsamen Weg der Erkennens geht. Der Star von in einem Vogelschwarm kann ja gar nicht ausbrechen, denn falls einer die Richtung ändert, dann fliegen alle mit. Das heißt evolutionär jetzt gesehen, anthropologisch, sind wir überhaupt in der Lage, dass einer abweicht, ohne dass alle gleich mitfliegen? Wie gefällt Ihnen die Cellomusik, die während der Show gespielt wird? Sie fadisiert mich fürchterlich, weil sie mich vor allem frustriert und enttäuscht. Florian Hackspiel, der Cellospieler, nimmt mich ja nicht in die Arme und weint mit mir. Und so ist Musik eine Lüge, leer. Ich kann jeden Hund streicheln aber den Herrn Hackspiel, wenn er so traurig musiziert, den kann ich nicht streicheln. Dann geht er und ist wieder in seiner Mitte, für ihn ist es nur eine Dramaturgie. Jemand, der sich drei Wochen in Ketten aufhängen lässt, wie ich, mit verbundenen Augen, für den ist das ein zu dünnes Spiel. Aber das ist jetzt eher eine Entschuldigung, als ein Angriff. Gerade deshalb fühle ich mich so verlassen. Das ist dann der Grund, wieso viele Leute sagen, dass ihnen die Hunde lieber sind als die Menschen. Weil sie die Hunde streicheln dürfen. Sie dürfen jeden Hund streicheln, bis auf die ganz bissigen vielleicht. | |||