Hermes Phettberg - Gusi und die Jungfrau Maria

 

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...denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch dazu vorausbestimmt ...
Röm 8, 28-30
(1. Lesung am Fest Mariä Geburt [8. September])

So sehr dürfte sich die Übertragung der allerseligsten Jungfrau Maria auf mein Frauenbild kraft meiner kirchentrunkenen Kindheit in Reinheit aufgelöst haben, dass ich erst vorigen Donnerstag so sehr erschrak, als ich im Gastgarten Ecke Annagasse/ Kärntnerstraße zwei Frauen Pfandlhendln essen sah. Sie saßen am Nebentisch und ich kam ins Sinnieren, wiewohl 51-jährig, aber halt doch schwul, dass es Frauen waren, die da aßen. Mit den Haxen in den Händen abbissen von den in schwarzen Pfannen servierten Tiroler Hendln, wo noch Speck und Zwiebeln drinnen waren. Junge, schlanke Frauen, ziemlich weiß gekleidet, diese Haxen zu den Mündern führten, abbissen, kauten und schluckten. Oft hab ich diese Fremdheit, wenn ich essenden Frauen inne werde.

Gedankenfäden liegen im Hirn herum, wie Kabelfernsehen, und alle Bot, nimmst du einen auf, und führst ihn fort. Da warst du ein Kind, dann warst du 20 und noch ein paar weitere Male hast du den Faden aufgenommen, und heute. Und bist du aber in dem Faden, ist er ununterbrochen. So viele Faden bist du. Ich sah vergangenen Donnerstag real zwei Frauen am Nebentisch issen, und war überrascht. Ins Narrenkastl schaun, so nannten die Eltern das, wenn ich abwesend war. Was schaust' denn ins Narrenkastl schon wieder, du verfrorenes Arschloch. Ich bestand nämlich immer darauf, dass die Küchentür, die in den Hof führte, fortwährend geschlossen war, wenn wir am Tisch saßen. Wir waren eine grundzerstrittene Familie, und mich fror, aber essen half. Wir aßen stumm und schloffen getrennt in unsere getrennten Glücke. Natürlich wird die Mama dabei auch gegessen haben. Aber ich hab das nicht integriert in meinen Faden von der Jungfrau. Den ich ja auch, wie alle anderen Fäden, nicht bewusst wirkte. All die Fäden bildeten sich alleine. Ich kann sie nicht ausreißen, wie am Dachboden des Großvaters in der Weltente von Ibsen. Denn wir hatten als ich ein ganz kleines Kind war so einen großen, alten Stadel, 1809 stand drauf. Und er war früher auch ein Schüttkasten, der damals aber leer war, weil alles ins Lagerhaus kam. Und es schien die Sonne herein, obwohl ich gar nicht wüsste, wo da Fenster gewesen wären. Aber er war so hell und leer. Und ich war dort so selig. Dreijährig so selig. Denn ein paar Mal in der Kindheit erreichst du das Ziel und bist dir gewachsen. Also ajour. Und hast nicht das Gefühl hinten nach zu sein. Da bist du allem Vollendeten ebenbürtig, ohne Minderwertigkeitskomplex. Und das muss ich zu der Zeit gerade gewesen sein am Stadel voll Sonne allein. Und so muss ich die Frauen angeschaut haben vorigen Donnerstag in der Annagasse. Meine Mama hieß Anna und aber auch die Mama der Jungfrau Maria hieß Anna. Und zu Anna, am 26. Juli, gab es immer die ersten eingelegten Essiggurkerln, wenn die Polditant ihrer Schwester, gratulieren kam. Dass sie Gurken dabei gegessen hätten, hab ich nicht in Evidenz. Aber sie haben sicher auch welche gegessen. Ich kann es überhaupt nicht erneuern (erinnern) jetzt dass gegessen worden wäre. Vermutlich weil das Essen im Glücksrausch geschah, und diese Ebene bin nicht ich. Futsch, weg!

Jetzt hat gerade in meiner Annagassenwoche der österreichische Fernsehjournalist Mück, der nach der bürgerlichen Totalreform des Fernsehens plötzlich aus dem Nichts erschien, mit Krokodilstränen den österreichischen Sozialdemokratievorsitzenden Gusenbauer interviewt, dass der soviel frisst, und so teuere, gute Sachen, und ob es denn der Bevölkerung zuzumuten sei, gerade nun, wo es ihr so schlecht geht, und sie so darben muss, ihr soviel vorzufressen von Seiten gerade des sozialdemokratischen Vorsitzenden. ("Ein Arbeiterführer, der Langusten frisst") Aber das blieb alles unter Männern, erst in der Anngasse fiel mir dann auf, dass diese beiden jungen Frauen zwei Tiroler Hendln aus zwei schwarzen Pfannen aßen. Wenn nämlich ich ess, dann höre ich nicht auf, bis ich vor Völlegefühl kein Selbstwertgefühl mehr hab. Ich wäre also nach dem Essen keinesfalls politikfähig, sondern muss sofort heim, schlafen. Ich will eindringen in die unerreichbare Ebene, in der ich glücklich war. Und esse so viel, vermute ich, weil der Weg dorthin sich schon sehr schön anlässt. Bis dann plötzlich dieser völlig vergessene Völlezustand eintritt. Ich müsste es aber doch im Vorhinein wissen, wie es a posteriori aussehen wird, wenn ich soviel ess.

"Die aber, die er vorausbestimmt hat", geht es in der heutigen Lesung Röm 8,28-30 weiter, "hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht: die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht." Die Kirche hat nämlich seit Anbeginn eine höllische Gratwanderung zu treiben. Einerseits ist ganz wichtig, absolut daran festzuhalten, dass jedes Individuum absolut frei ist, andererseits aber dass der Herr alle, alle, alle haargenau geschaffen hat. Und zwar genauso, wie sie sind. Aber sie eben absolut frei gelassen nach der Schlüpfung. Z. B. wenn ich viel gefressen habe, sage ich zu mir in Mundart: i geh schloffn. "Schloffn" - das klingt wie: ich schloff durch durch die enge Öffnung hindurch. Gott also schöpft mich völlig neutral, aber exakt auf Hermes Phettberg komm raus, er weiß aber nicht im Augenblick meines mich Machens, was wird, weiß es aber doch, weil er alles weiß, weil alles auf einmal ist, weiß er auch wie es ausgehen wird, wie heilig ich bin, bzw. ich werden werde, und sollte ich das sein, bzw. werden, dann hat er mich genau dazu berufen. Würde ich nicht so heilig geraten, würde ich auch dazu nicht berufen worden sein, und mein ganzes Fressen z.B. wäre ein Malefix, das der Herr nicht berief, sondern ausschließlich auf meine Kosten ginge. Meine Schuld, meine übergroße Schuld nun wäre. Ob jetzt also Gusenbauer mit seinem süßen Leben der Befreier der in ihrem dumpfen Grant befangenen Österreichischen wird, oder sie zu noch mehr Gram und Hader anstiften wird, weiß nicht einmal Mück, sondern ausschließlich der Herr.

Und so war es auch mich der Jungfrau und Gottesgebärerin. Er hat sie nicht dazu geschaffen. Aber als sie geschaffen war, sah er, als sie ihren Lauf vollendet hatte, dass sie vortrefflich ihm gelungen ist, und nahm sie zur Gottesgebärerin. Dabei dürfte es überhaupt keine Rolle gespielt haben, ob Maria Hendln aß. Aber so gewaltig strahlte ihr Wesen bis nach Unternalb und bis zu mir, dass ich in der Annagasse so erschrak. Und der Herr erst, wird erschrocken sein, als er sie berief. Ich war ja nie liiert, ich weiß ja nichts vom andern Menschen. Mir selber aber bleibt es unsympathisch, dass der Herr uns alle schöpft, genauso wie wir sind, aber dann, aposteriori, sagt er plötzlich, dich hab ich nicht vorausbestimmt, du isst und trinkst dir das Gericht. Wiewohl er uns also exakt so baute, wie wir gebaut sind, darauf besteht der Herr, denn er birst vor Ehrgeiz, schauts dann aber (aus seiner verqueren Sicht!) schlecht aus mit dem Endprodukt an seinem Sterbetag, dann hat ers so nicht gewollt, dann sind es wir und unsere "Freiheit", die er meint. Ist seine Kreatur aber prächtig in seinen Augen, dann wars natürlich er, der es von Urbeginn an so im Auge hatte und uns also berief. Wie eben Maria, dann hat er schon deren Eltern Joachim und Anna berufen, saß bei der Konzeption (also der Empfängnis am 8. Dezember des Vorjahres) wie ein Haftlmachy als Zeremonienmeister dabei. Ich sags ganz offen, wahrscheinlich bin ich in meinem Gerechtigkeitswahnsinn schon weiter als das gute alte Gotty. Noch viel heiliger als es. Und es hat natürlich schon meine schöne Seele erspäht, mich längst erwählt. Und es eröffnet sich uns erst, während Gott, der Jeansboy, schon längst Beischlaf mit mir hält in versauten Bluejeans ("abused torn jeans"). Und Gusenbauer zwanzig Jahre Bundeskanzler. Und Mück Anstaltsarchivar. Denn Gusenbauer : Mück, war ärger als Simmering : Kapfenberg. Schwaden abgrundtiefen Hasses schwebte über ihren Häuptern und sie durften nichts essen dabei.