Christian Gasser - Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen

Kapitel 1 - Mit uns kannst Du alles machen!
Kapitel 5 - Hitlisten und Beziehungskisten

Kapitel 1 - Mit uns kannst Du alles machen!

Ich war, und das gilt für die meisten wichtigen Lebenserfahrungen - für den ersten Kopfsprung vom Dreimeter-Brett und den ersten Kuss etwa -, auch als Pop-Fan keineswegs frühreif. Von jenem Freitagabend an jedoch, an dem ich als zehnjähriger Junge die Radio-Hitparade entdeckte, was wenig später zum Kauf meines ersten Tonträgers führte - es war, um den ganzen Mythos der ersten Platte in einer Klammerbemerkung zu enthüllen, Billy Swans "I Can Help"-Album auf Musicassette, erstanden mit zehn Prozent Messerabatt am Ex-Libris-Stand der BEA* -, von jenem Abend an bestimmte die Pop-Musik mein Leben.

Ein grosser Teil der Erinnerungen an jene Jahre ist verblichen - farbig geblieben sind praktisch nur die mit Musik verbundenen Erlebnisse, und leider habe ich nicht nur die nicht unwichtigen Erfahrungen wie die ersten verliebten Schwärmereien gespeichert, sondern mit geradezu masochistischer Vorliebe peinliche Momente, die mein Gefühl, absolut unlässig, tollpatschig und unattraktiv zu sein, verstärkten - und mich umso tiefer in die schillernde Kunstwelt der Pop-Stars trieben.

Nach etwa einem Jahr Hitparadenhörigkeit und dem zirka ersten Dutzend Mischkassetten (mit Howard Carpendale nach Abba nach "Schmidtchen Schleicher" nach Sailor nach "Mamy Blue" nach "Kung Fu Fighting" nach Sweet) folgte 1975 der erste emanzipatorische Schritt in Richtung Pop-Expertentum. Ich kaufte mir das bunte Fach-Magazin POP und verschlang es von Jürg Marquardts neckischem Portrait neben seinem ebenso selbstverliebten Editorial bis zur Seite für den Rollers-Fan, ohne die aufklärerischen Indiskretionen zu verschmähen. Besonders entscheidend für mein weiteres Schicksal war das "Eure beliebtesten Popstars"-Klebealbum ("100 Mini-Poster zum Sammeln"), das zur selben Zeit für nur 1 Franken zu erwerben war.

Diese Sammelalben erfreuten sich damals derselben Beliebtheit wie heute, und in jenen Jahren klebte ich auch Hefte zur Fussball-WM 1974 (Cruyff gegen Beckenbauer) und den olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck (Stenmark gegen Thöni) voll. Das Sammeln von Sport-Stars unterschied sich aber vom Sammeln von Pop-Stars: Sport war offenbar ungleich populärer und das Sammeln ein kollektives Erlebnis, an dem jeder Junge teilnahm (an sammelnde Mädchen kann ich mich nicht erinnern - ihr Ehrgeiz war es vermutlich nicht, möglichst das ganze Heft zu füllen, sondern sich vernünftigerweise mit den Bildchen ihrer Lieblingsstars - Johan Cruyff, beziehungsweise Ingmar Stenmark und Roland Collombin - zu begnügen, während wir Jungs uns sogar um Walter Rösti und Wolfgang Kleff rissen), und das Tauschen und Handeln, das Suchen nach den raren Motiven (Cruyff und Stenmark z.B.) vor, während und nach der Schule war der halbe Spass.

Nicht so beim Popstar-Heft - das habe ich allein zu füllen versucht, und ich erinnere mich an keine geschäftlichen und gesellschaftlichen Transaktionen. Hätte das nicht das erste Warnzeichen sein sollen? Das erste Warnzeichen dafür, dass eine Leidenschaft wie die, die ich für die Pop-Musik zu entwickeln begann, isoliert? Man wird zwar zum Insider, der über ein geheimes Wissen verfügt, aber auch zum Outsider, da dieses geheime Wissen die meisten Mitmenschen kaum berührt - und die Illusion, mit meinen Fachsimpeleien Mädchen betören zu können, begrub ich viel zu spät.

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Wohl investierte ich viel Geld in die Umschläge mit je drei Abziehbildern, doch waren die Bilder für mich bald von zweitrangiger Bedeutung. Wichtiger wurden die stichwortartigen Informationen über die Bands und Interpreten - Geburts-, bzw. Gründungsjahr, Stil, die grössten Erfolge, ein bisschen Klatsch -, und die studierte ich mit soviel Hingabe, dass ich ziemlich bald alles auswendig wusste, selbst über Bands wie die deutschen Kraan (mit zwei "a"), obschon mir die wegen des roten Brillengestells eines der hohlwangigen und eklig blassen Musikers so unsympathisch waren, dass ich es nie über mich brachte, mir eine Platte von ihnen anzuhören.

Diese oberflächliche Datensammlung gewährte mir einen ersten, phantasieanregenden Blick in die Unendlichkeit des Pop-Kosmos und vermittelte mir behütet und ohne Fernsehgerät aufgewachsenen Teenager ein noch unscharfes Gefühl für den Zeitgeist. So konnte ich stundenlang über dem Bild träumen, das Emerson, Lake and Palmer vor ihrem eigenen Jet zeigte. So entsetzte ich mich über Janis Joplin, ohne mich von ihr losreissen zu können: Spektakulärer noch als das Live-Foto, auf dem man nichts sah ausser wildem Haar und barem Busen, war die Legende: "Bei den Aufnahmen ihrer LP "Pearl" fand man sie tot in einem Hotelzimmer, mit 14 (Heroin-)Einstichen im Arm". Ich, der ich von Drogen nur wusste, dass sie wie die langen Haare und auffälligen Klamotten zu Rock-Stars, nicht aber ins richtige Leben gehörten, stellte mir vor, wie sich Janis Joplin eine Spritze um die andere in den Arm stach, vierzehn Mal, und dann langsam in den hohen Spritzenhaufen kippte.

Noch verwirrender war auf derselben Seite die Bezeichnung der in einem viel milchkaffeebraune Haut enthüllenden Bühnenkostüm abgelichteten Tina Turner als "Sex-Katze vom Dienst". Trotz früher Recherchen in den Sex-Heften ("Sexy" und "Schlüsselloch") von Tonis Eltern (in lebhafter Erinnerung geblieben ist ein daktari-mässiger Soft-Sex-Fotoroman um eine nur lendengeschürzte Blondine, böse Wilderer und einen schlauen Schimpansen) hatte ich keine Ahnung, was ich mir unter einer "Sex-Katze vom Dienst" vorzustellen hatte - ich wusste nur, das klingt verdammt aufregend und verheissungsvoll, "Sex-Katze vom Dienst".

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Pop-Musik, das lehrte mich dieses Sammelheft, hat nicht nur viel mit Musik zu tun, sondern auch mit Drogen und Sex. Vor allem letzteres irritierte den kleinen Jungen, den die Eltern kaum aufgeklärt hatten, und der so verklemmt war, dass es ihm peinlich war, wenn er Pärchen beim Schmusen beobachten musste. Völlig schockierend fand ich deshalb das Poster "Love 75" in einem meiner ersten POPs - es zeigte ein junges Liebespaar, gerade mal ein paar Jahre älter als ich, das sich verträumten Blickes in einem Wald aneinanderschmiegt. Und zwar - oben ohne! Oben ohne im Wald?! Wer wandelt denn schon oben ohne durch einen Wald? Andere Leute könnten ihn ja sehen! und vor allem sie!!! Errötend entrüstete ich mich, und wenn dann noch aus dem Radio einer der Sex-Hits wie Donna Summers "Love To Love" oder, fast noch schlimmer, die expliziten Lyrics von "Voulez-Vous Coucher Avec Moi Ce Soir" (eines der grossen Pop-Rätsel: wieso heisst dieser Song "Lady Marmelade"?) keuchte und stampfte, versank ich vor Scham (und, heute kann ich es ja gestehen, vor Erregung) im Fussboden.

Den letzten Höhepunkt dieses Frühlings Erwachen gewährten mir die Runaways, die vier kalifornischen Backfische, die kaum älter waren, aber so viel erfahrener wirkten als ich: In einer POP-Story standen sie hinter Gittern wie in einem Raubkatzenkäfig, blickten mich forsch und unmissverständlich an, und der Titel verkündete: "Mit uns kann man alles machen!"

Wow! Alles? Wirklich alles? Absolut alles? Aber - was denn überhaupt?! Diese Fragen quälten mich wochenlang, denn ich konnte mir dieses "alles" nicht ausmalen, ahnte aber, spürte und wusste, wie aufregend es wäre, mit den Runaways "alles" zu machen.

Gleichzeitig aber war ich sicher, im richtigen Leben nie der Typ werden zu können, von dem sich die Runaways "alles" gefallen liessen, und diese Überzeugung, verbunden mit den Pop-Texten über Liebe und Mädchen, in denen ich dank eines Wörterbuchs gewisse Redewendungen zu verstehen begann, die mir aber eintrichterten, nicht für diese idealen Leidenschaften und geheimnisvollen Dramen geschaffen zu sein, verstärkte meine Unsicherheiten und Komplexe und trieb mich - ich wiederhole mich, aber es war in der Tat ein Teufelskreis - noch tiefer in die schillernde Kunstwelt der Pop-Musik. Frustriert traktierte ich meinen Federballschläger immer aggressiver und spielte mit geschürzten Lippen immer lautere und rauhere und härtere Gitarrenriffs und bereitete mich so auf den Punk-Rock vor.

Da wirkte Rumpelstilzens "Teddybär"** geradezu beruhigend und trug dazu bei, mich mit gewissen Spielformen des Eros' auszusöhnen: Sass nicht auch auf meinem Bett ein treuer Teddybär? Wäre nicht auch ich am liebsten Elisabeths Teddybär gewesen? "I wett i wär, mit Dir elei als die Teddybär." Wurde das Techtelmechtel nicht beschrieben wie meine heftigen, aber nie schmerzhaften Balgereien mit Elisabeth von nebenan? "Tue miter uf dym tolle Teppich umerolle, i ha Zyt derfür …" - Nur etwas irritierte mich auch hier: Dieses Buch, das dabei vom Büchergestell fällt.

"Vati, was ist das, das Kamasutra?"

Fussnoten:
* Ex Libris ist die Buch- und Tonträger-Abteilung des Schweizer Grossverteilers Migros. Die BEA ist die insbesondere auf Landwirtschaft ausgerichtete "Berner Ausstellung".

** Rumpelstilz, die erste Band des Schweizer Superstars Polo Hofer, erfanden in den frühen Siebzigerjahren den Dialektrock. Polo Hofer war also so etwas wie der eidgenössische Udo Lindenberg - allerdings ist er weit weniger peinlich gealtert, sondern durchaus sympathisch geblieben und zum mehrheitsfähigen Polo National mutiert. Der Text: "Ich wollt', ich wär allein mit Dir als Dein Teddybär./Ich rolle mit Dir auf Deinem tollen Teppich herum, ich habe Zeit dafür …"

aus:
Christian Gasser:
"Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen"
(253 Seiten mit vielen Illustrationen (Plattenhüllen, Comics, Fotos, Memorabilia aus dem Archiv des Pop-Besessenen u.v.m.).
Heyne-Taschenbuch Nr. 01/13556
ISBN 3-453-21082-4
(A) 8,20 Euro

Kapitel 5- Hitlisten und Beziehungskisten

Inspiriert von der Kunstwelt, in der er lebt, erliegt der Pop-Fan der Versuchung, eigene Mythen zu schaffen, und seine Lieblingsmythologie ist natürlich die Entwicklung seines Geschmacks. Dabei scheut er nicht davor zurück, gewisse Umwege seines Reifeprozesses, die er nachträglich als ästhetische Verirrungen verurteilt, aus seinem Curriculum auszumerzen und dafür andere Phasen phantasievoll mit hübschen Anekdoten zu verbrämen. Dies Lügen zu schimpfen, wäre aber falsch und ungerecht, ist doch der Pop-Besessene selber von der Wahrhaftigkeit seiner Legenden am meisten überzeugt.

Derartige Geschichtsklitterung hatte ich nie nötig. Meine Entwicklung verlief stilsicher und zielstrebig: Nach der für alle Nachwuchs-Pop-Fans obligaten Begeisterung für Kaugummi-Pop und Hitparaden-Heuler folgte eine kurze Phase, zu der Status Quo und Deep Purple den Soundtrack lieferten. All das, und auch mein bisher noch verschwiegener Elvis-Kult, wurde aber spätestens im Herbst 1977 hinweggefegt, als ich das zweite Album der Stranglers, "No More Heroes", und wenig später "Never Mind The Bollocks, Here's The Sex Pistols" kaufte. Und bald schon kam der Tag, an dem ich, während ich unter der Dusche den Schweiss der Turnstunde abspülte, der Welt verkündete, dass die Sex Pistols nun definitiv Status Quo vom ersten Platz der Liste meiner Lieblingsbands verdrängt hatten. Ich war knapp 14, und bis vor kurzem war ich mächtig stolz darauf, dass diese zwei Platten mein so junges Leben von einem Tag auf den anderen völlig umgekrempelt haben.

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Bis vor kurzem. Denn etwas habe ich - leider! - zu tun unterlassen: Die damaligen Listen meiner Lieblingssongs, Lieblingsplatten, Lieblingsbands etc. rechtzeitig zu vernichten. Und so kam es, wie es kommen musste: Als sich ein guter Freund an einem Abend nostalgischer Schwärmereien ebenfalls als Hitlistenveteran outete und wir unsere persönlichen Hitparaden mit einer Mischung aus Ironie und Bewunderung zu verklären begannen, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, den kleinen schwarzen Ordner, in welchem ich unter anderem - leider! - einige dieser Listen aufbewahrt habe, hervorzuholen, um den Beweis meiner geschmacklichen Frühreife zu erbringen.

Ich hätte vor Scham in den Erdboden versinken können.

Wer führte am 4. April 1978 "Meine 15 liebsten Stücke" an? - Niemand anders als … - es fällt mir schwer, es zu gestehen, aber es gibt kein Zurück mehr …- niemand anders als … - ich hoffe, lieber Leser, liebe Leserin, ich kann auf Dein Mitgefühl (und Deine Diskretion) zählen … - niemand anders als … Uriah Heep mit "Salisbury" und "Magician's Birthday" - - -

Die Monate nach dem Split der Sex Pistols waren ja schwierig, aber dennoch - war ein derartiger Rückfall wirklich notwendig? Mussten es ausgerechnet Uriah Heep sein? Fast jede andere Band wäre mir heute lieber, auch Deep Purple und Status Quo, deren "Child In Time" und "Smoke On The Water", beziehungsweise "Bye Bye Johnny" den zweiten Platz belegten. Die Sex Pistols schafften es mit "Anarchy In The UK" und "Bodies" gerade noch auf den vierten und die Stranglers mit "Peaches" und "London Lady", ausgerechnet ihren frauenfeindlichsten Songs, auf den fünften. Diese Hitparade, musste ich mir ebenso plötzlich wie widerwillig eingestehen, zeigt einen völlig orientierungslosen Pop-Fan, und ich stöhnte auf, als mein fiebriger Blick registrierte, wer alles sich in meinen Top 15 tummelte: Platz 6 - fast noch peinlicher als Uriah Heep - The Sweet mit "Love Is Like Oxygen; Platz 7 - peinlicher noch als The Sweet - Kansas mit "Carry On Wayward Son". Die Plätze 8 und 9 waren mit Roxy Music ("Out Of The Blue") und Nazareth ("Bad Boy") korrekt besetzt, aber auf Rang 10 - ein entsetztes "Nein!" entfuhr mir durch die die zusammengepressten Lippen - - - auf Rang 10: Novalis! "Dämmerung"!! "Astralis"!!!

Meine Mythologie zerbröckelte, und die Wahrheit war ernüchternd. Der Punk hatte mein Leben wohl erschüttert, keineswegs aber den nachträglich glorifizierten Bruch mit den pubertären Geschmacksverirrungen bewirkt. Ich war im Frühjahr 1978 noch ein ganz normaler Halbwüchsiger kurz vor dem Stimmbruch, den die Begeisterung für die Sex Pistols nicht daran hinderte, auch "Bohemian Rhapsody" am Radio aufzunehmen, und der, obschon er von seiner musikalischen Kompetenz überzeugt war und in jenen Tagen auch sein erstes Essay zum Thema, "Popmusikgeschichte nach meiner Auffassung" (in vier Kapiteln: 1. Jazz, Blues; 2. Rock'n'Roll; 3. Beatles, Rolling Stones, Who; 4. Punk), verfasste, sich in Wirklichkeit unsicher und ziellos durch das Pop-Labyrinth vortastete, und dabei auch auf das stand, was ich wenig später schon als "den grössten Scheiss" verdammte.

Mein Freund war so rücksichtsvoll, mich nicht zu verspotten (vermutlich aus Selbstschutz - ich wüsste nur zu gern, welche Skelette er in seinem Schrank hütet!), als ich weiterblätterte und in "Meine 15 liebsten LPs" vom 13. April desselben Jahres auf weitere merkwürdige, ja geradezu schizophren oder zumindest in ihrer Art psychedelisch anmutende Gegensätze stiess: 14. Ramones: "Leave Home"; 15. Klaus Schultze: "Timewind" (und den 9. Rang besetzte, dies nur nebenbei, Ludwig van mit seinen Sinfonien n° 5 und 9).

Im September 1978 hatten Deep Purple Uriah Heep auf den zweiten Platz verwiesen, was nicht zuletzt das Verdienst des heute als Gitarrist einer namhaften Berner Rockband berühmten Küse aus der IVb war: Während der Parallelklassenfussballderbies lungerten wir, leidenschaftlich über Richie Blackmore, Jon Lord und Co. fachsimpelnd, an der Mittellinie herum, und die störenden Bälle kickten wir jeweils so weit weg, dass wir von den andern bald in Ruhe gelassen wurden. Im Dezember 1978 stiessen Devo, deren Debüt "Are We Not Men?" auf mich eine ähnliche Wirkung wie "Never Mind The Bollocks" ausübte, an die Spitze vor und spielten von da an in allen Charts (beste Bands, beste Platten, beste Songs, beste Komponisten, beste Bassisten, beste Sänger etc.) ganz vorne mit. Am 17. Dezember 1978 hatte sich auch, allerdings nur für kurze Zeit, Tommy Kiefer von der Krokus-Urformation (mit Chris von Rohr als Sänger) in mein Herz und meine Top-Ten gespielt (Rang 6, u.a. hinter Richie Blackmore, Jimi Hendrix und Ted Nugent - aber noch vor Edward van Halen). Das Krokus-Konzert kurz vorher hatte einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen - nicht zuletzt weil ich da zum ersten Mal in meinem Leben ein Mädchen an ein Konzert eingeladen hatte (dessen Eintritt, weil es von einer Bank gesponsert wurde, nur zwei Franken kostete). Leider war sie, wie ich zu spät erkannte, doch eher an Küse von der IVb, der damals schon in einer Band spielte, interessiert.

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Bemerkenswert ist die Beharrlichkeit, mit denen ich meine von den im POP veröffentlichten "Melody Maker"-Pop-Polls abgeschauten Hitlisten mindestens einmal im Monat, meistens aber wöchentlich erstellte; beeindruckend ist der Fleiss, mit dem ich meine Vorlieben aufschlüsselte und neben meinen liebsten Songs, Platten und Interpreten völlig punkwidrig auch meine liebsten Sänger, Gitarristen, "Tastenmänner", Komponisten u.v.m. ermittelte. Geradezu bewundernswert, beziehungsweise beängstigend ist die Akribie, mit der ich jede auch noch so minime Verschiebung festhielt - bisweilen aktualisierte ich meine Hitlisten mittels Tintenkillers noch während der laufenden Woche. Es war zweifellos eine existentielle Aufgabe: Ich definierte mich über die Pop-Musik, und gleichzeitig hoffte ich, diese in den Griff zu bekommen und mich selber von der Bewusstheit meines Geschmacks zu überzeugen und dabei auch meine Selbstsicherheit im richtigen Leben zu stärken.

Besonders rührend ist aber, wie unbegabt ich für das Hitlistenschreiben eigentlich war. Das kommt bereits in Meine 15 liebsten LPs vom 13. April 1978 zum Ausdruck (1. Alle von Uriah Heep) und gipfelte in den letzten erhalten Listen, so etwa in Die stärksten Songs vom 8. April 1979. Ich war ein Fan, und Fans sind mit Leidenschaft kritikunlustig: 1. Deep Purple: "Child In Time", "Highway Star", "Smoke On The Water" und viele andere; 2. Jimi Hendrix: "Voodoo Chile" und alle, die ich kenne; Devo: "Mongoloid", "Jocko Homo" und alle anderen; Queen: fast alle. Ebenfalls zweitplaziert sind ausserdem Yes, Meat Loaf (alle von "Bat Out Of Hell" ausser "You Took ..."), Elf ("Sit Down Honey" etc.) und die Dire Straits … - Spätestens da muss mir gedämmert haben, dass ich für Hitparaden nicht geschaffen bin, und ich habe meine Bemühungen eingestellt.

***

Eine Taschengelderhöhung erlaubte mir ab Frühjahr 1979 mehr Plattenkäufe, und diese zeugen - abgesehen von einzelnen Rückfällen wie den Dire Straits - von meiner endgültigen Hinwendung zum "Guten": Nicht ohne heimlichen Stolz verfolge ich rückblickend meinen Weg von Yes ("Yessongs", das Weihnachtsgeschenk meiner Mutter) zu Jimi Hendrix ("Electric Ladyland", Februar 79), und von da in 35 Platten über die B 52s, Tonio K., die Residents, die Pop Group und die Pop Rivets, "No New York", Siouxsie & The Banshees, Stravinsky, Pere Ubu und die Specials zu Iggy Pop ("New Values", Dezember 79).

Warum ich mich so genau an die Chronologie erinnere? Warum ich weiss, dass "New Values" meine 55. LP war? Dass sie 14 Franken 50 gekostet hat? - Je nun, was soll ich da noch vertuschen - wenn ich schon so tief in der Verarbeitung meiner Besessenheit stecke, kann ich auch gleich mein grösstes und peinlichstes Geheimnis enthüllen.

Es widerstrebte mir bald, die Plattenhüllen mit meinem Namen und einer Nummer zu verunstalten, und deshalb legte ich, um die Übersicht über meine "Sammlung" zu bewahren, in meinem kleinen schwarzen Ordner die "Platten chronologisch"-Liste an, auf welcher ich die Platten in der Reihenfolge ihres Erwerbs auflistete. Damit nicht genug - am rechten Rand notierte ich auch den Kaufmonat und den Preis, und da ich ab September 1979 die meisten Platten nicht mehr bezahlte, sondern als Teilzeitangestellter des Plattenladens Roxy abarbeitete, setzte ich den Preis, den ich normalerweise hätte zahlen müssen, in Klammern. Ende Jahr erstellte ich meine Statistiken, und 1980 etwa freute ich mich darüber, dass ich 67 Platten angeschafft und dafür 451 Franken 50 ausgegeben hatte, was einen Stückpreis von 6.75.- bedeutet. 1985 sah die Statistik noch vorteilhafter aus: 782.50.- für 153 LPs = 5.11.-/Stück.

Faszinierend, nicht wahr? - Und so lächerlich! So kleinlich! Von Anfang an war mir klar, diese buchhalterische Pingeligkeit ist absolut unrock'n'rollig - deshalb versteckte ich diese Fichen besser als meinen Haschisch-Vorrat, und deshalb wusste, bis heute jedenfalls, fast niemand von ihrer Existenz. (Wie bitte? Ob ich noch …? - Selbstverständlich führe ich diese Liste bis heute nach, ebenso zuverlässig wie verschämt und zwanghaft. Ich kann mir noch so einreden, es wäre ein Zeichen von Reife, zumindest auf das Zählen zu verzichten - es geht einfach nicht anders.)

***

Andererseits aber erzählt diese Liste, da mein Leben sich über weite Strecken in meiner Pop-Besessenheit spiegelt, ehrlich und ohne Beschönigung - aber in einem nur von mir entschlüsselbaren Code - meine Geschichte und macht die Tausenden von Seiten meiner gewiss noch peinlicheren Tagebuchergüsse geradezu überflüssig.

Wenn ich den Eintrag 32) B 52s - "Play Loud" (August 79, 17.-) lese, läuft der heisse und euphorische Sommer 1979 wie ein Film vor meinem inneren Auge ab: Ich war zum ersten Mal und mit Begeisterung tief verliebt und liess mich von meiner Ahnung, dass meine Gefühle nie erwidert würden, nicht beirren; im Gaskessel stieg ein Punk-Festival mit Sozz und Technicolor; ich las Hesse und Kerouac und schrieb selber pausenlos Gedichte, und fast jede Nacht und bisweilen sogar frühmorgens stürzte ich mich, allein oder mit Freunden, in die Aare, splitternackt, versteht sich, und ebenso nackend sind wir in unserem pubertären Übermut auch mal ums Schulhaus geflitzt …

1980 begann ich anspruchsvoll mit Henry Cow und knallhart mit The Germs, und weil die Angebetete ständig von Italien schwärmte, nahm ich auch gleich Gianna Nanninis "California" mit. Als auch ihr "fammi l'amore, forte, sempre più forte" nicht die erhoffte Wirkung zeitigte, versank ich in Trübsal, doch nur ein paar Wochen später entpuppte sich ein anderes Mädchen, mein Skilagerschwarm, als grosse Liebe - da kam Iggy Pops "I Need More" (auf "Soldier", n° 80, März 1980 (16.50.-)) gerade richtig, und auf unserer romantischen Wanderung um den Neuenburger See dozierte ich händchenhaltend über die Ästhetik der düsteren Klänge von Public Image Limiteds "Metal Box". Frühlingssounds für frisch Verliebte, wie ich glaubte, ich Idiot! Weil ich trotz aller verinnerlichten Pop-Texte nichts über Beziehungen wusste und zu langsam lernte, habe ich als Freund wohl gründlich versagt - auch wurmt mich, dass ich es trotz penetranter Gehirnwäsche in zwei Jahren nicht geschafft habe, Regula den Konstantin Wecker auszutreiben.

Diese Liste erzählt viele Geschichten. Die einer anderen Freundin zum Beispiel - sie verliess mich, weil sie sich vorkam wie eine Platte unter vielen. Geschrieben hat sie ihren Abschiedsbrief konsequenterweise auf der Plattenliste selber, zwischen CD 1462 (King Daddy Yod) und CD 1463 (va: "Raggabuzzin'"). Damit hat sie mich tief getroffen. Andererseits aber, muss ich gestehen, finde ich es schade, dass sie sich nicht noch ein paar Dutzend Platten lang geduldet und mich nicht erst zwischen CD 1525 (Kim Salmon: "Essence") und CD 1526 (Alboth: "Amour 1991") oder CD 1594 (The Dubrovniks: "Audio Sonic Love Affair") und CD 1595 (King Missile: "The Way To Salvation") verlassen hat. Das wäre der Stoff gewesen, aus dem die wirklich grossen, traurigen Pop-Balladen sind.

Christian Gasser

aus: Christian Gasser:
"Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen"
(253 Seiten mit vielen Illustrationen (Plattenhüllen, Comics, Fotos, Memorabilia aus dem Archiv des Pop-Besessenen u.v.m.).
Heyne-Taschenbuch Nr. 01/13556
ISBN 3-453-21082-4
(A) 8,20 Euro

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