|
Nachbetrachtung
Die Veranstaltung war laut rauchig, heiß und dunkel. Ich gehe eigentlich nie zu solchen Veranstaltungen. Das sind lauter Dinge, die ich eigentlich nicht mag. Aber so ist es halt bei solchen Veranstaltungen, aber mich braucht's da ja nicht unbedingt. Die Platte selber ist schön, ja, die Präsentation hat mir auch gut gefallen, das war eine schöne Geschichte. Haben Sie ein Lieblingsstück auf der literarischen Schallplatte? Ja, mein eigenes, logischerweise. Jeder, der etwas anderes sagt, lügt Sonst hätte man es ja selber nicht gemacht. Oder man hätte es so gemacht, wie es der andere gemacht hat. Nachdem ich es so gestaltet habe, wie ich es gestaltet habe und mir dabei etwas gedacht habe, ist es klar, dass es mir am besten gefällt. Wie ist ihre Beitrag für die literarische Schallplatte, das Lied "Din Rosabom", entstanden? Man setzt sich hin und hat irgendwie eine wage Ahnung von einer Melodie. Aus der Melodie heraus ergibt sich eine wage Ahnung aus dem, was kommt und dann kommt ein Wort nach dem anderen und ein Satz nach dem anderen. Wenn man sich entschließt, dass das Ganze sich reimen soll, ist da sowieso schon ein Automatismus eingelegt, weil der Reim immer auf etwas verweist, was man selber gar nicht vorhat. Bei dem, was man vorhat, gibt es keine Reimwörter. So ensteht dann das Lied. Dieses Lied ist Teil ihres im Jahr 2001 erschienen Albums "42 Songs", die auf drei CDs verteilt sind. Wie kam es zur thematischen Dreiteilung in "Jugend", "Himmel" und "Kaffee und Zigaretten"? Eigentlich hätte es heißen sollen "Jugend", "Himmel" und "Tod". Aber dann habe ich mir gedacht: Das ist zu düster. Reinhold Bilgeri und ich haben also die dritte CD in Anlehnung an Jim Jarmuschs Film "Kaffee und Zigaretten" benannt. Es waren nie drei CDs geplant, am Anfang war eine halbe CD geplant, zusammen mit Reinhold Bilgeri in Erinnerung an unsere vor 30 Jahren stattgefundene Zusammenarbeit. Ich war damals in der Situation, dass ich gerade von einer schweren Krankheit genesen war. Man weiß ja, dass man nach einer Krankheit eine gewisse Zeit benötigt, um sich wieder in der Realität einzufinden und da schickt man einen normalerweise in teuere Rehabilitationszentren. Ich hab mir das erspart und die Rehabilitation auf diese Art und Weise vollzogen. Es gab einen so großen Ansturm von Songs, die mir zugeflogen sind, dass wir zuerst gesagt haben: Sogar bei strenger Auswahl passen sie nicht auf eine CD. Schließlich haben wir gesagt: Gut, dann produzieren wir eben zwei. Und bei noch so strenger Auswahl passten sie nicht auf zwei CDs. Dann haben wir uns entschieden: Also gut, machen wir drei. In Wirklichkeit waren es ein ganzes Stück mehr Songs. Wir haben die 42 ausgesucht, die am besten waren. Sie haben die Zusammenarbeit mit Reinhold Bilgeri angesprochen. War es in den 70er Jahren so, dass diese Songs ( wie Strumpfbandgürtelblues, Frankfurt Song ) als Provokation der "körigen Vorarlberger" gedacht waren? Ich weiß gar nicht, ob die so provokant waren. Sie waren in erster Linie da, um unser Studium zu finanzieren. Bilgeri und ich waren befreundet und haben miteinander Gitarre spielen gelernt. Wenn wir nicht in der finanziellen Situation gewesen wären, die es nötig gemacht hätte, unser Studium selber zu finanzieren, hätten wir das vermutlich nicht gemacht. Wir haben damals auch aus diesem Grund, weil wir das Geld gebraucht haben, eine monatliche Kabarettsendung beim ORF Vorarlberg gehabt und dort war einfach klar: Wenn wir jetzt die Musik, die dort in der Kabarettsendung gespielt wird, auch noch selber einspielen, dann bekommen wir noch zusätzlich Geld. Daraus hat sich das ergeben. Eines dieser Lieder, die wir gemacht habe, speziell nur für eine Kabarettsendung, und wirklich innerhalb von 20 Minuten am Vormittag erfunden, war dieses "Oho Vorarlberg". Das ist dann ohne unser Wissen in diesen Show-Chance Wettbewerb gekommen und den haben wir bestimmt ganz ohne unser Wollen gewonnen. Von da an waren wir reiche Studenten, also wohlhabende, was natürlich relativ ist, aber relativ heißt, wir konnten auch in ein Gasthaus gehen und etwas bestellen, ohne immer nur auf die rechte Seite der Speisekarte zu schauen. Ich konnte mir Bücher kaufen, von denen ich wusste, die brauche ich nicht unbedingt, aber ich hätte sie gerne.
Bei Gott nicht, ganz bestimmt nicht. Uns hat ein Lied gefehlt für eine Kabarettsendung und innerhalb von 20 Minuten haben wir dieses Lied geschrieben. Ich meine, dass der Text nicht sehr für die Vorarlberger spricht. Sie haben dieses Lied ausgerechnet als zweite Landeshymne erwählt. Der Text war im Zusammenhang dieser Kabarettnummer ironisch gemeint. Wie gesagt, dieses Lied ist in die Show-Chance gekommen, das war damals dieser österreichische Songwettbewerb im Fernsehen. Überraschend haben wir da gewonnen. Das war die Zeit, in der alle so geleckt gekommen sind, aber das Publikum das nicht mehr wollte. Weil kein anderes Lied da war, hat man uns als Sieger geehrt. Ich hab nichts gegen das Lied, ich bin dem Lied sehr dankbar insofern, weil es einfach 2/3 meines Studiums finanziert hat. Ein einziges Lied, was kann man da dagegen haben? Ich bin diesem Lied dankbar aber hören möchte ich es nicht mehr, das muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht gern auf einen Faschingsumzug gehe, weil ich mir sicher bin, dass irgendwo ein Lautsprecher postiert ist, aus dem das Lied ertönt. Ich habe nichts dagegen, aber ich kann's halt nicht mehr hören! Ich kann meine Stimme nicht mehr hören, wie ich da singe. Aber gleichzeitig muss ich auch sagen habe ich einen paradoxen Stolz drauf, ein Volkslied geschrieben zu haben. Wer kann das schon von sich sagen. Haben Sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entschieden, sich der Literatur zuzuwenden, und nicht mit der Musik professionell Geld zu verdienen, wie dies Reinhold Bilgeri gemacht hat? Sie sehen die Sache genau umgekehrt, wie sie war. Ich hab mich nicht entschieden, irgendwann Literatur zu machen anstatt Musik, was voraussetzen würde, dass ich mich vorher entschlossen hätte Musik zu machen. Ich habe alle meine künstlerischen Tätigkeiten nie getrennt gesehen. Wenn ich für den Film gearbeitet habe, oder für den Film geschrieben habe, Musik gemacht habe, Songs geschrieben habe, selber gesungen habe, oder wenn ich gemalt habe. Das habe ich nie getrennt gesehen sondern immer als eines. Ein Künstler empfindet sich nicht dezidiert nur auf einer Ebene. Ein Künstler würde, wenn er zuerst genau darüber nachdenkt, sagen, er hat einen Ausdruckswillen, wobei das Wort Wille viel zu schwach ist. Er hat einen Ausdruckszwang. Dieser Ausdruckszwang sucht sich relativ früh eine Form. Manche finden die Form nie und arbeiten in allen Formen, manche finden nur eine Form. Oder sie sagen, ich will mich nur auf eine Form konzentrieren. Aber es gibt bedeutend mehr Mehrfachbegabungen unter Künstlern, als man glaubt. Fast jeder Künstler, den ich kenne, ist eine Mehrfachbegabung. Aber er hat sich auf eine Sache spezialisiert. Ich wollte immer, also spätestens seit meinem 14. Lebensjahr, Schriftsteller werden und ich habe mir in meinem ganzen Leben auch nie eine andere Berufsperspektive vorstellen können. Mir geht es da wie Keith Richards von den Rolling Stones, der auch einmal auf eine ähnliche Frage, die sie mir gestellt haben, nämlich ab wann er Gitarrist werden wollte, überrascht geschaut und gesagt hat: "Gibt es andere Berufe auch noch?" Genauso empfinde ich das eigentlich auch. Ich hab niemals in meinem Leben an irgendetwas anderes gedacht als an Kunst. Ich konnte nie etwas irgendetwas anderes tun, weil ich gewusst habe, ich kann etwas anderes nicht. Nicht einmal: "Ich will etwas anderes nicht" sondern: "Ich kann nichts anderes". Wenn ich Geld brauchen würde, und das war auch damals der Fall, dann würde ich alles Mögliche tun. Innerhalb der Kunst ist die Literatur der Bereich, auf den ich mich am meisten spezialisiert habe. Aber das heißt nicht, dass ich einmal eine Entscheidung gefällt habe für oder gegen die Musik. Ich mache ja immer noch Musik, ich spiele jeden Tag Gitarre. Aber ich habe keine artifizielle Ambition, keine artistische Ambition. In ihren Liedern erwähnen sie auch Bob Dylan oder Jonny Cash. Sehen Sie diese Musiker als Vorbilder ihres musikalischen Schaffens? Den Bob Dylan sicher, den Jonny Cash auch. Wobei bei sehr interessant ist, dass man von denen Künstlern am meisten so etwas wie Inspiration empfängt, die nicht in derselben Sparte sind. Schriftsteller bekommen nicht unbedingt von Schriftstellern am meisten Inspiration. Es ist nicht gut, sich als Schriftsteller schwerpunktmäßig von Schriftstellern inspirieren zu lassen. Wenn man sehr begeistert von einem Schriftsteller ist, dann tritt man unter Umständen in so etwas wie eine Plagiatsfalle. Die größte Inspiration hab ich nicht aus der Literatur sondern aus der Malerei oder aus dem Film empfunden, oder vor allem aus der Musik. Von Bob Dylan dabei viel mehr als von Jonny Cash. Von Bob Dylan ging für mich eine lebenslange Inspiration aus. Ihm ist es gelungen in seinen Songs in mir etwas auszulösen, was einen Inspirationsfluss in mir selbst ermöglicht. Das trifft natürlich auf andere Musiker genauso zu, das trifft für mich auch auf die Malerei zu und auch auf die Literatur. Aber wie gesagt, dort bin ich immer sehr sehr vorsichtig. Können Sie mir noch einen anderen Künstler nennen, von dem sie sich inspirieren lassen? Wenn ich zur Malerei gehe, ist Edward Hopper einer, der mich auf ungeheuere Art und Weise inspirieren kann. Bei Edward Hopper hab ich das Gefühl ich muss manche Bilder, wie "Der Leuchturm" nur anzusehen und der Schreibfluss beginnt. Ich verwende diese Bilder fast wie eine Therapie in Schreibkrisen. Ich brauche diese Bilder nur anzusehen und es löst in mir Blockaden und öffnet die Tür, wo Poesie drin ist, aus der ich wieder schöpfen kann. In der Musik ist es sehr vielfältig muss ich sagen. Bei der Musik, bei der Inspiration ausgeht, das ist nicht immer die allerbeste, und von der anderen geht keine Inspiration aus. Mozart zum Beispiel hör ich ungeheuer gern, aber er wirkt auf mich nicht inspirierend. Seine Musik wirkt auf mich beruhigend. Nachdem ich Mozart gehört habe, hab ich nicht das Gefühl, ich muss jetzt aufstehen und etwas schreiben. Bis auf das Requiem vielleicht. Bei Bach ist dies auch der Fall. Wenn ich gleich bei der Klassik bleibe, Brahms ist jemand, der immer ungeheuer inspirierend auf mich gewirkt hat und wirkt. In der populären Musik gibt es manche Jazzstück, aber vor allem von Rock n' Roll ging immer eine ungeheuere Kraft aus. Das ist die Musik, mit der ich groß geworden bin. Natürlich auch vom Blues und vor allem auch von Stimmen. Gewissen broken-voices die beflügeln mich. Sei es der Lou Reed oder eben der Jonny Cash oder diese merkwürdige Stimme von Neil Young, oder von Lucia Williams. Solche Stücke hab ich immer parat für den Fall, dass ich einen Stimulus brauche. Kommen wir zur griechischen Mythologie. Heute ist es ja nicht unbedingt angesagt, die griechischen Sagen zu lesen. Wie haben Sie es geschafft, dass das Interesse an dieser Literatur wieder geweckt wurde? Keine Ahnung, wahrscheinlich weil ich gut erzählen kann. Aber gut erzählen kann man alles Mögliche, aber es gibt nicht viele Leute, die wirklich gut erzählen können. Gut, wenn man sagt, die Leute interessieren sich nicht mehr für die griechische Mythologie, dann ist dies der große Verdienst vor allem des 19. Jahrhunderts, vor allem dieser Oberstudienräte und Griechischprofessoren und der ganzen deutschen Altphilologie, dieses Interesse gründlich auszutreiben. Die Leute kommen zu mir und sagen: Sie erzählen diese Geschichten so ungeheuer toll Ich habe überlegt, na klar erzähl ich sie gut. Aber das klingt so, als ob sie sagen würden: Es ist eine große Kunst so langweilige Geschichten so toll zu erzählen. Das ist natürlich ein Unsinn, weil diese Geschichten nicht langweilig sind. Das sind die besten Geschichten, die auf der ganzen Welt je erzählt worden sind. Und sogar noch bis in kleine unbekannte Details hinein. Es hat wirklich einen großen professoralen und akademischen Aufwand bedurft, über das ganze 19. Jahrhundert hinweg, um aus diesen Geschichten langweilige Geschichten zu machen. Man müsste umgekehrt fragen: Wie schafft ihr das, aus diesen tollen Geschichten solche zu machen, dass die Leute dabei einschlafen. In Wirklichkeit sind es unglaublich spannende Geschichten und die ganze abendländische erzählerische Kultur hat von diesen Geschichten bis zum heutigen Tag profitiert, ob sie das weiß oder nicht. Einmal kam ein Gymnasialprofessor in Pension zu mir und versicherte mir, er sei so dankbar, dass ich dieses hohe hehrere Gedankengut wieder ausgegraben habe, wo doch die Kinder und Jugendliche nur vor dem Fernseher sitzen und sich nur für Sex und Kriminalität interessieren. Da hab ich ihn gefragt, ob er denn je die griechische Mythologie genau angeschaut habe. Die griechische Mythologie besteht aus "sex and crime" und das ausschließlich. Dass der Mensch sich für Sexualität und Kriminalität, oder abstrakt ausgedrückt für Liebe und Tod, interessiert, das weiß man doch schon seit eh und je. Mit demselben Thema kann ich eine Folge einer blöden Fernsehserie schreiben oder ich kann aus diesem Stoff Romeo und Julia schreiben. Die griechische Mythologie besteht aus dem Begehren, dem Leben, dem Mord und dem Tod. Da ist nicht Hehreres oder sonst was dran. Hehr heißt ja, das diese Leute behaupten, die sind nur für uns und ihr Proleten habt damit nichts zu tun, ihr habt keinen Zugang dazu. Dabei sind diese Geschichten immer für alle gewesen. Homer und die anderen Rapsoden, die in Form gefasst wurden, Die Autoren haben das am Hof vorgetragen, aber die Inspiration haben sie sich immer aus der Volkserzählung geholt. Sie haben gerade Shakespeare angesprochen. Gehört er für Sie auch in die Kategorie der ganz großen Erzähler? Warum haben Sie gerade Shakespeare ausgewählt, um seine Geschichten nachzuerzählen? Das kann ich ihnen sagen, und diese Frage ist natürlich sehr berechtigt. Shakespeare ist nicht AUCH ein großer Erzähler. Unter dieses Wort "auch" würde ich zum Beispiel Dante, Homer vielleicht den großen Cervantes subsumieren. Shakespeare ist jedoch der Größte von allen. Es gibt keinen größeren Dichter als Shakespeare, und zwar nicht einmal annähernd gibt es einen Dichter, der diesem Shakespeare das Wasser reichen kann. Vielleicht kommt da noch Cervantes mit dem Don Quichotte heran. Im Gegensatz zu allen anderen Dichtern hat es Shakespeare geschafft, Figuren zu erfinden. Homer hat auch Figuren erfunden, aber er hat vorhandene Figuren genommen. Er hat aus dem Odysseus den gemacht, den wir aus der Ilias und vor allem aus der Odyssee kennen, aber die Figur des Odysseus gab es vorher schon. Die Figur des Achill gab es auch schon vorher. Shakespeare aber hat Figuren erfunden, die von einer solchen Plastizität sind, einer solchen Lebendigkeit, einer solchen überzeitlichen Lebendigkeit, dass sie sich längst schon von ihrem Autor losgelöst haben. Es gibt keinen vergleichbaren Autor, außer vielleicht der Cervantes und Don Quichotte. Aber sonst gibt es keinen Autor in der ganzen Literaturgeschichte, der so viele und plastische Figuren erschaffen hat wie Shakespeare. Wenn sie den Hamlet neben den Faust von Goethe setzen, und sie lesen diese Geschichten parallel, dann kommt ihnen der Faust wie ein Zombie vor. Da ist der Faust Papier. Und wenn sie die Shakespeare Stücke lesen, auch ohne ein großer Kenner der Literatur zu sein, dann hat man das Gefühl, diese Figuren sind lebendiger als alle lebendigen Menschen. Sie haben sich auch von ihren Autor und Schöpfer losgelöst. Wenn sie einen Test machen würden in Österreich und sie würden fragen: Welcher der beiden Begriffe kennen sie: Shakespeare oder Romeo und Julia. Dann bin ich mir sicher, dass mehr Leute das Paar Romeo und Julia kennen. Es gibt sicher viele Leute, die wissen gar nicht, das Romeo und Julia von Shakespeare geschrieben wurde. Aber Romeo und Julia kennen sie, den Hamlet kennt man. Deshalb sind diese Figuren in ein Stadium getreten, in dem sie wie Kollektivgut sind, wie Sagenfiguren. Ich kann über Hamlet nachdenken solang ich will, ich kann in meinem Kopf dazuerfinden was ich will, dazu hat mir Shakespeare diese Figur freigegeben. Gleiches gilt für den Macbeth, den Othello. Deshalb ist er der einzige, den man in der Art nacherzählen kann, wie ich die Sagen nacherzählt habe. Was würden Sie Jungautoren mit auf den Weg geben, die als Berufswunsch Autor angeben? Dass sie bei diesem Berufswunsch bleiben, zunächst einmal. Und nicht sagen: Ich könnte ja eventuell. Das sie wirklich hergehen und sagen: Wenn ich das will, dann muss ich wissen, dass man das nicht nebenher einfach machen kann. Es gibt zwar viele Autoren, die sind nebenbei Lehrer, die sagen, ich muss ja von irgendwas leben Ich kann von mir sagen, ich hab ja auch eine Zeit für den ORF gearbeitet, das ist nicht gut. Autor zu sein ist eine Tätigkeit, die fast 24 Stunden dauert, weil man sogar das Träumen mit zur Arbeit gehört. Ich habe immer gedacht, ich könnte hergehen und beim Finanzamt mein Schlafzimmer von der Steuer absetzen, weil es mein Arbeitsraum in der Nacht ist. Aber das würde das Finanzamt nicht einsehen. Das Wichtigste ist, dass man dabei bleibt und das Risiko eingeht, dass man halt arm bleibt. Das ist das erste: dass man davon überzeugt ist, dass man vom Schreiben leben kann und möchte. Wenn man selber nicht davon überzeugt ist, wer denn dann? Als zweites würde ich sagen: Die Welt, und das ist etwas was einen einsam macht, die gesamte Welt, die einem begegnet, jedes Buch, das man liest, jeden Film den man anschaut, jedes Land das man bereist, jede eigene Krankheit, die man hat, alles unter dem Aspekt zu betrachten: Das kann ich brauchen fürs Schreiben. Das ist etwas Perverses, weil man sich da selber außerhalb des Lebens stellt, eine Distanz herstellt und das Leben von außen betrachtet. Aber so funktioniert die Schriftstellerei. Ein drittes und das ist mein dringendster Rat an Jungautoren und -autorinnen: Das unmittelbare Empfinden das man im Augenblick hat, ist kein guter Ratgeber zum Schreiben. Wenn man ein Liebesgedicht schreiben will, oder eine Liebesgeschichte, dann wäre es besser, dass man wartet, bis man nicht mehr verliebt ist als während der Verliebtheit zu schreiben. Es ist nämlich ganz einfach. Wenn man verliebt ist drängt es einem nach allem möglichen, aber nicht nach Sprache. Und das Empfinden der Liebe ist nicht sprachlich. Das ist ganz leicht nachzuprüfen: Wenn man als Außenstehender zwei intelligenten Verliebten bei einem verliebten Gespräch zuhört, ist man erstaunt, was für ungeheueren Schwachsinn die beiden reden, was für Plattitüden verwendet werden und was für einen Wortarmut vorherrscht. Das Schreiben ist immer Ersatz. Es ist nie das Leben, und das verwechseln viele. Die Hauptzeit die beim Schreiben verwendet wird, ist das Präteritum oder das Perfekt, das heißt, man blickt zurück, man hat einen gewissen Zeitabstand. Und wenn ich nicht mehr verliebt bin, aber mich nach diesem Gedanken, an dieses Empfinden, dieser Liebe sehne, dann bin ich in der Situation, diese Liebe selbst, also künstlich entstehen zu lassen. Wenn ich eh verliebt bin, dann habe ich das doch gar nicht notwendig. Man sollte jedem Schreiben, das mit einem unmittelbar empfunden Gefühl verbunden ist, misstrauen.
So spektakulär wie es nur geht. Die Grenzen sind die des eigenen guten Geschmacks würde ich sagen, und des eigenen intellektuellen Niveaus. Ich würde es nicht wollen, wenn ein Buch von mir unter dem Niveau des Buches präsentiert wird oder jenseits des guten Geschmacks. Das Schreiben ist eine Art der Kommunikation. Und wenn ich nicht veröffentlichen will, warum sollte ich dann schreiben? Wobei das Schreiben auch ein Erzählen an sich selbst ist. Aber das Gefühl sich mitzuteilen, da kann ich nichts Negatives daran sehen. Deswegen braucht man nicht einen Zirkus aufzuführen und sich selber ein Ei auf den Kopf zu schlagen und Kikeriki auf der Bühne zu schreien, um Aufsehen zu erregen. Das kann man in würdiger Form auch machen. Aber ich bin natürlich interessiert, dass möglichst viele Leute das lesen, was ich geschrieben habe. Was lesen Sie momentan? Ich lese gerade das Buch "Genius" von Harold Blum, das ist ein Buch über hundert Autoren der Weltliteratur. Gleichzeitig lese ich von Montaigne "Die Essais" und von Wolfgang Schiebelbusch ein historisches Werk mit dem Titel "Die Kultur der Niederlage" Es handelt über den amerikanischen Bürgerkrieg, den I. Weltkrieg und den deutsch-französischen Krieg 1871/72. Haben Sie ein Lieblingsland, das sie gern bereisen? Ich habe zwei Lieblingsländer, eigentlich drei. Die USA, Italien und Deutschland. Haben Sie ein Lebensmotto? Nein Was bedeutet für Sie Heimat? Wie stark fühlen Sie sich mit Vorarlberg verbunden? Als ich in Deutschland gelebt habe, hab ich mir immer eingebildet ich fühle mich relativ stark mit Vorarlberg verbunden, weil ich Heimweh hatte. Aber mit Vorarlberg als einem geographie-politischen Begriff fühle ich mich sehr wenig verbunden. Ich fühle mich mit Hohenems verbunden und dort hauptsächlich mit den Hohenemsern unter der Bahn, weil ich hier lebe, weil ich hier die Leute kenne. Aber ansonsten, dass ich jetzt ein glühender Vorarlberger im Herz bin, das hab ich noch nie an mir entdeckt. In ihren Liedern kommt auffallend oft der alte Rhein und das Ried vor. Ist das ein Ausdruck für Heimat? Der alte Rhein und das Ried, damit meine ich das Gebiet, das sich unter der Bahn befindet, das würde ich als Heimat bezeichnen, weil ich mich dort sehr gut auskenne und fast jeden Tag dort bin. Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview. Gerne geschehen. |