Marlen Schachinger - Die Cellospielerin

Fuck you!, schrie ihr der Mann nach. Fuck you, fuck you, fuck you!
Sie dachte bei sich, dies spreche wohl für die städtische Internationalität, wenn es auch eine etwas impertinente Art der Begegnung darstellte, doch (und so würde sie es anschließend Noemi erzählen) kein Grund, sich zu echauffieren.
Sie sammelte Liedrhythmen wie andere Briefmarken oder Schuhwerk, jedoch schien sich dieses Fuck-you-Fuck-you-Fuck-you einzig in einen Techno-Beat einfügen zu lassen, fortwährende Wiederholung, harte Schläge mit klar abgegrenzten Rändern. Zuhause setzte sie sich ans Klavier, und sie probierte, es in Zartheit zu kleiden; als wäre dies Fuck you eine sanfte Liebeserklärung süßer Backgroundsängerinnen mit schönem Brustbein. Noemi machte sich immer über diese ihre Vorliebe für zwei Knochen lustig, dennoch hatte sie festgestellt, dass Noemi häufig Blusen trug, die genau diese Stelle eines Versprechens bloßlegten.
Das Klingeln des Telephons unterbrach ihre Arbeit.
Can`t you stay away from work today?, fragte Noemi.
Sie schloss die Augen.
I don`t, fuhr Noemi fort, feel like working today, too tired, and my back is aching, ich habe Sehnsucht nach deiner Hand - genau an jener Stelle und nach der Wärme deiner Haut...
Alles - in Ordnung?, fragte sie nicht. Stattdessen hörte sie sich I-am-coming-soon sagen. Und das Gleich war in diesem Fall eine Realität, denn sie wohnten Tür an Tür, ja, sie hatten bereits überlegt, die Wand zwischen ihnen zu durchbrechen, schließlich handelte es sich um Eigentum, das sie sich wohlüberlegt nachbarlich gekauft hatten, Freundin an Freundin, das war nun schon einige Jahre her; jede von ihnen hatte ihr Leben gelebt, und die vermittelnde Tür war bloß ein Scherz an langen Tagen mit kurzen Nächten; zumindest für Noemi.
Sie schrieb die letzte Note, legte Bleistift und Blatt zur Seite.
Noemis Eingangstür war angelehnt. Sie rief leise den Namen der Freundin; aus einem Raum, Noemis Schlafzimmer wie sie wusste, drang eine Melodie; Noemi-Elfchen, so nannte sie jene gerne, insbesondere weil dies - zumindest - zu ihrer physischen Erscheinung passte; eine Zartheit, die einem den Eindruck vermittelte, man dürfe sie nicht umarmen, geschweige denn an sich drücken, da sie ansonsten in tausend Splitter zerbrechen könnte. Tänzerin, so stellte sich die Freundin stets vor, doch davon lebte Noemi nicht; wie die wenigsten.
Dass sie von ihrer Kunst leben konnte, erzeugte eine Sonderstellung, um die sie von vielen beneidet wurde, doch, so pflegte sie zu entgegnen, sei dies keineswegs ihr Verdienst, sondern einzig ein Glücksfall.
Sie öffnete die Tür zu Noemis Schlafzimmer. Die Freundin lag im Bett, ihr Haar zu einem Zopf geflochten, Violine aus einem Lautsprecher; und ein streichelndes Cello. Noemis Schulter unter dem weißen Seidennachthemd. Sie hatten vor wenigen Tagen darüber gesprochen, wie sehr sie Seide liebe. Sie setzte sich an den Bettrand. Noemi bewegte sich nicht.
Come, sagte Noemi. Come and stay with me.
I know girls usually don't do this - but..., antwortete sie leise, und die Freundin lächelte.
Sie konnte Noemis Beckenknochen fühlen, und die Härte ihres Unterleibs.
Hier?, fragte sie, doch Noemi schüttelte den Kopf.
Wo dann?
Anstelle einer Antwort nahm Noemi ihre Hand und legte sie auf ihr Steißbein.
Let's sleep a little bit, murmelte Noemi.
Sie wusste sehr wohl, dass Noemi fließend Deutsch sprach; - wollte sie; doch war ihre gemeinsame Sprache von Anfang an Englisch gewesen, geprägt von Noemis weichen Lauten, denen man ihre Muttersprache anhörte, - wie auch Noemis Deutsch: ein Singsang.
Leitest du heute kein Seminar?, fragte sie.
Please, sleep, sleep a little bit…
Sie fand keinen Schlaf, und Noemis Sleep-Sleep mischte sich mit dem morgendlichem Fuck-you, Please-Please, Noemis ruhige Atemzüge, a little bit, und der Geruch ihres Körpers, ein pudriges Parfum, mit hohem Anteil an Vanille-Sandelholz, und please,please, vielleicht ein wenig Rosenholz. Noemi hatte sie gebeten, ihr ein Geschäft zu nennen, in dem sie Seidenhemdchen kaufen könne, come-stay, auf Qualität lege Noemi Wert, und die Freundin betonte die Empfindlichkeit ihrer Haut, kehrte die ortsunkundige Fremde heraus, Help me!, und sie hatte ihr einen Laden in der Innenstadt genannt, please-please, in dem sie vor Ewigkeiten, a little bit, Wäsche für ihre damalige Freundin erstanden hatte, zum fünften Jahrestag, come-stay, ob es nun an jenem Negligé lag oder an anderem, es war zugleich ihr letzter gewesen, sleep-sleep, und sie fragte sich, weshalb sie gerade jetzt, please-please, daran denken müsse, und öffnete mit einer Hand vorsichtig, fuck-you, um die Schlafende nicht zu wecken, a little bit, Noemis Haarband, sleep-sleep, und verbarg ihr Gesicht in den sich lösenden Flechten, a little bit. Noemi, so dachte sie, solle das Cellospiel erlernen, wenn ein Instrument das ihre, dann dieses. Was aber, so fragte sie sich, würde Noemi ihr anraten? Einige Jahre der Tanzschritte zu Hip-Hop-Klängen?
Noemi fände sicher einige Minuten unbändigen Gelächters in ihrer Ungeschicklichkeit.
Wie kannst du deines Körpers so unsicher sein?
Und sie würde entgegnen, Ich bin Song-Writerin, nicht Tänzerin, ich sammle Rhythmusbilder wie andere Briefmarken, aber sagst du mir: zwei rechts, Arm hoch, Kreuz, zwei links, kreisen, rechts und - ich würde über all die Knoten in Gelenken und Gedanken stürzen.
Ja, ein Cello, und sie ließ ihre Finger über Noemis Rücken gleiten, massierte die beiden Grübchen rechtslinks der Wirbelsäule.
Die Freundin summte ein Mmmm im Schlaf. Mmm a bit, a little bit… Und sie ließ ihren Mittelfinger hinauf wandern, strich an der Unterkante des Schulterblattes entlang, und sie erinnerte sich an ein Porträt, photographiert von Bitesnich, das sie gesehen hatte, ein Mann, dessen Schulterblätter flügelgleich heraustreten konnten. Es war nicht jenes gewesen, das sie am meisten beeindruckte. Denn ihr Liebstes galt einer Frau mit dunklem Haar, dessen Spitzen ihr Kinn säumten; was sie an ihr faszinierte lag nicht in ihrem Körper, sondern in ihrer Stimme, viel mehr in ihrer Aussprache, die so gar nicht zu diesen Hochglanzmagazinen, in denen sich ihr Gesicht befand, zu passen schien. Zu leise und ein wenig verschwommen, verkürzte Vokale; vielfach ein Sch-Laut, wo keiner hochsprachlich zu vermuten wäre.
Sie schlief ein.

Als sie erwachte, lag sie allein im Bett, unter ihrer Hand noch ein langes schwarzes Haar. Auf dem Polster neben ihr eine Karte, Pessoas Gesicht, das an ihr vorbei, unter schweren Lidern, ins Irgendwo blickte, zudem behütet und krawattet, Ich bin der, der ich nicht zu sein vermochte, und auf der Rückseite in Noemis Handschrift die Aufforderung, die Türe einfach zu zuziehen. Please-please. Auf einem Kleiderbügel an der Außenseite des Kastens hing das seidene Nachthemd.
Sie zog die Tür ins Schloss.

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