|
Peter Otto Büttner
Wo bitte geht es zu den Alexanderzügen?
Als ich eines Morgens erwachte, fühlte ich, wie sich
im losgelösten Modus das Leben meistern ließe, ohne auf die
Stimmen der Ferne zu hören. Meine Gehirnmasse aus vergangenen Tagen
hing an der Decke und näherer Umgebung; aus meinem Selbst floss noch
bedrohlich viel Eiter und Schleim der alten Formen. Ich drohte zu verbluten.
Meine Augen liefen aus. Wo bist du - Dionysos? Und als ich im Spiegel
mein Gesicht betrachtete, sah ich zwei große schwarze Höhlen;
leer und aufgeweckt empfand ich sie. Ich versuchte die Löcher zu
versiegeln, doch zu groß waren sie. Ich musste doch sehen, wo sich
die letzten Götter versteckt hielten. Ich musste doch wissen, was
sie denken. Zu groß waren meine Höhlen, um einfach eine handvoll
Sand zu nehmen und aufzufüllen. Der Sandmann verabschiedete sich
und wünschte Lebewohl. Er rief mir noch zu: "Schlafen Sie gut.
Die Pest ist vorbei. Die Erklärung des Unheimlichen finden sie in
den gesammelten Schriften. Ach sagen Sie, wo bitte geht es zu den Alexanderzügen?"
Als er eines Morgens um 6: 37 Uhr erwachte, fühlte er, dass seine
Hände und Füße taub waren. Er schnitt sich mit schmerzlicher
Zuneigung die geschichtlichen Tentakel ab, die aus seiner Brust, Arme
und Unterleib wie verrunzelte Krampfadern heraushingen. Er holte einen
roten Eimer aus der Küche, und warf die verstümmelten Gliedmaßen
dort hinein. Um die stechenden Gerüche zu überdecken, goss er
destilliertes Wasser dazu. Er meinte zu fühlen, wie sich im losgelösten
Modus das Leben meistern ließe, ohne auf die Stimmen der Vergangenheit
zu hören. Aber in Wirklichkeit wusste er es nicht. Zum glück
bin ich da, das übergeordnete Prinzip. Die rationale Disposition.
Der Advokat allen Unbewussten. Ich bin unterrichtet, zu sagen was gedacht
und gefühlt wird. Seine Gehirnmasse, die aufgrund unheimlichen Überdrucks,
aus seinen Ohren und Augen quoll, verbreitete sich wie ein sanfter Teppich
auf Daunendecke und näherer Umgebung. Er wusste, das rauschhafte
Dasein ist vorbei. Wallungen, südliche Komplexe, nur noch Begriffe
und verzweifelte Rufe aus vergangenen Tagen. Gegenglück, ist der
Kodex der Zeit. Er saß auf einem Stuhl in seinem Schlafzimmer und
blickte in den Wandspiegel gegenüber. Das fahle Licht der Sonne ruhte
göttlich auf seinem geordneten Schopf. Als er seine Totenmaske betrachtete,
lächelte er voller Sehnsucht nach Blau und Metaphysik. Er bildete
sich ein, über dem Wasser zu schweben. Aber was fühlte sein
baufälliges Gehirn? Soeben die Stratosphäre durchbrochen. Ein
neues Sonnensystem entdeckt. Die Bibel und der Koran neu ausgelegt. Ein
König aus seinem tausendjährigen Grab entführt und neu
begraben. Die alten Koordinaten Raum und Zeit neu aufgelegt. Das Malleus
Maleficarum verurteilt und widerlegt. Ein Gelehrter schrieb: "Die
großen Metaerzählungen sind vorbei." Keine Gedichte mehr
lesen. Dafür Fahrpläne und Bauanleitung. Pornographie anstelle
Erotik. Er steckte sich beide Daumen in die Augenhöhlen und bemerkte,
dass sie tief und schwarz waren. Er erschrak zu Tode, dass er nicht sehen,
sondern lediglich nur fühlen konnte. Fühlen - brodelte es tief
in seinem Innern; durch die bekannten Abwehrmechanismen im Verborgenen
gehalten. Er erlebte es nicht, dass es ein Fühlen in ihm gab. Aber
er fühlte den Vermessungsdirigenten! Ja, so fühlte er. So dachte
er, so litt er. Das ganze Pipapo. So, so, machte er. So auch. Und so noch
mehr. So beugte er den Kopf über den Nacken nach hinten, wartete
einen Augenblick, grunzte und schluckte heftig. Immer noch den Kopf nach
hinten übergestreckt, tastete er nach den zwei Whiskygläsern,
welche auf dem Nachttisch standen, und presste sie - sodass sich ein Vakuum
bilden konnte - fest, wie eine Taucherbrille, auf beide Höhlen, wo
einst die wachen Augen schliefen. Mit einer gleitenden, langsamen Bewegung,
führte er seinen Kopf behutsam wieder nach vorne, sodass sich die
aufgesteckten Gläser, die wie zwei schwere Pfropfen an seiner Haut
klebten, mit trüben Tränenwasser füllten. Er stand da,
die Gläser mit salzigem Wasser, randvoll an seinen Augen, und setzte
sich die Melone auf den Kopf und trat erneut vor den großen Spiegel.
Ich trat vor den Spiegel und hatte die Melone auf dem Kopf und suchte
meine Wolfszähne. Keine Wolfszähne, keine Hermine, kein magisches
Theater, keine Arschbacken und kein Wackelpudding, dafür Mozart und
Klee. Die zwei Wassergläser waren mit Tränenflüssigkeit
gefüllt, so dass, wenn ich den Kopf heftig schüttelte, das trübe
Wasser Luftblasen bildete. Warum ich das machte, wusste ich nicht. Es
war ein Automatismus. Dumm und bedeutungslos. Ich glaubte, es mache mir
einfach Spaß zwei Gläser auf die Löcher zu setzen, zu
grunzen und schließlich unendlich fiel Tränenwasser zu produzieren,
um es in der warmen Luft verdampfen zu lassen.
Als er erneut vor dem Spiegel trat, schüttelte er den Kopf, damit
sich Luftblasen in der Flüssigkeit bilden konnten. Warum er das tat?
Er setzte sich die Gläser auf, weil er nach Antworten suchte. Man
gibt ungern alte Gewohnheiten auf. Wie heißt es so schön: "Ordnung
muss sein." Und die liebte sein Geist so sehr. Denn der Geist war
schon lange vom Leben getrennt. Er phantasierte sich in die Luftblasen.
Er träumte, in den Äther zu steigen und den Göttern bei
der Arbeit zuzusehen und sich das Eine oder das Andere zu notieren. Außerdem
liebte er es, sich selbst zu quälen, da er sich mit den zwei Gläsern
und der Melone auf dem Kopf so unheimlich scheußlich vorkam, dass
es ihn selbst erschreckte. Schuldgefühle waren am Ende das Resultat.
Aber die brauchte er, um seine Träume abzutöten. Seine Phantasien
zu zügeln. Das Kinderspiel ist ausgespielt. Das Pferd verlässt
den Weg nicht mehr. "Wir gehen nicht mehr in den Wald, die Lorbeerbüsche
sind geschnitten." Denn das Schiff hat den Hafenkomplex schon lange
verlassen. Er zog sich an und ging in den Keller, der nur für ihn
bestimmt war. Niemand, auch wirklich niemand sollte erfahren, dass er
dort unten im Verborgenen Heinrich Hoffmann trifft, sich den "Struwwelpeter"
zur Hand nimmt und in das Buch hineinschlüpft und mit den anderen
Figuren eine neue Ordnung schafft. Da war Leben in ihm. Er rief: "Friederich,
komm! - und schlage mich! Paulinchen! Sieh! Ich brenne mich! Mama, bitte
bestrafe mich!" So ging es zu im Bilderbuch. Er dachte an den Sandmann.
Ob er den Weg gefunden hat? Und als er den Vorschlag machte, die Welt
zu erobern, Alexanderzüge mittels Wallungen, fanden sie den Ausgang
nicht. Sie fragten den Robert, wo es zu den Alexanderzügen ginge.
Doch der lachte und weinte nur. Ja, das tat er. Das konnten alle sehen.
>> back
|