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Sandra Niermeyer
Ein Tag
Es war ein ganz normaler Tag. Ich stand auf, entfernte
die Ohrenstöpsel aus meinen Ohren und ging ins Bad. Ich wusch mir
fünfmal die Hände und putzte mir dreimal die Zähne. Ich
setzte mich auf die Toilette, stand auf, um die Tür abzuschließen,
setzte mich hin, stand noch einmal auf, rüttelte an der Tür,
drehte den Schlüssel bis zum Anschlag und setzte mich wieder. Das
wiederholte ich siebenmal, ein paar Tropfen gingen daneben und ich musste
mich umziehen. Da es nun erforderlich war, die Hände erneut zu waschen,
tat ich dies und zählte dabei leise vor mich hin. Dann sprühte
ich mir etwas Deo unter den Arm.
Ich verließ das Badezimmer, drehte mich in der Tür aber noch
viermal um, um nachzuschauen, ob ich nichts vergessen hatte. Ständig
waren irgendwelche Dinge zu überprüfen: hingen die Handtücher
mit beiden Seiten gleich lang vom Handtuchhalter? Reichte das Toilettenpapier
für das nächste Mal, oder musste ich eine neue Rolle daneben
legen? Hatte ich Deo unter die Arme gesprüht?
Ich stellte schon einmal den Wecker für den nächsten Morgen.
Damit hatte ich bereits einen wichtigen Tagespunkt abgehakt. Im Laufe
des Tages überprüfte ich ihn noch einunddreißig Mal. Wenn
ich dann abends im Bett lag, konnte ich relativ sicher sein, ihn gestellt
zu haben und knipste nur noch sieben bis acht Mal das Licht an um nachzusehen.
Diese neue Regelung hatte ich mir erst letzte Woche ausgedacht und ich
kam dadurch fast anderthalb Stunden eher in den Schlaf als vorher.
Ich kroch unters Bett und sah nach, ob sich während der Nacht irgendwelche
Dinge darunter verirrt hatten, die ich dann
vielleicht jahrelang vergessen hätte und die sehr wichtig waren.
Mit Staubmäusen bedeckt tauchte ich wieder auf und musste dem Badezimmer
einen weiteren Besuch abstatten. Ich sprühte etwas Deo unter den
Arm.
Dann ging ich in die Küche und kochte mir Kaffee. Ich öffnete
den Tassenschrank. Die gelbe Tasse passte nicht zu meiner Stimmung, ich
nahm die schwarze. Die schwarze passte farblich nicht zum Kaffee, ich
nahm die weiße. Die weiße lief nach unten schmal zusammen.
Schmal zusammenlaufende Tassen mochte ich nicht. Der Kaffee wurde kalt.
Ich trank Milch. Die passte farblich zur schwarzen Tasse. Von der Milch
wurde mir schlecht. Ich ging ins Bad und erbrach sie in die Toilette,
danach putzte ich mir achtmal die Zähne und wusch fünfmal die
Hände. Ich berührte aus Versehen den Handtuchhalter und wusch
die Hände erneut. Mit dem Frühstück wartete ich, bis das
Zahnfleischbluten nachließ.
Ich kroch noch einmal unters Bett, weil ich vorhin etwas unkonzentriert
gewesen war und nicht gründlich genug nachgesehen hatte. Außerdem
hatten sich vielleicht in der Zwischenzeit wieder einige Dinge darunter
verirrt. Ich guckte lange in alle Ecken, fuhr mit der Hand über den
Teppich, fand aber nur Staubmäuse.
Nach drei Minuten und zwanzig Sekunden war das Frühstücksei
fertig. Ich aß Eier nur mit Plastiklöffeln, mit Metalllöffeln
schmeckten sie nicht. Alle Plastiklöffel waren in der Spülmaschine.
Ich wollte sie nicht extra abspülen, das hätte zuviel Wasser
gezogen. Ich warf das Ei in den Müll.
Ich ging nach draußen und öffnete den Briefkasten dreimal,
fasste jedes Mal hinein, falls meine Augen mich täuschten, aber es
war tatsächlich keine Post drin. Dann sah ich an mir herunter, um
zu sehen, ob ich mich überhaupt angezogen hatte
oder ob ich nackt oder ohne Hose auf der Haustürtreppe stand. Ich
hatte. Mir gingen die Dinge so automatisch von der Hand, dass ich vergaß,
ob ich sie erledigt hatte oder nicht. Ich trat noch einmal ins Badezimmer
und nahm etwas Deo.
Für heute stand Einkaufen auf dem Programm und ich breitete dazu
verschiedene Angebotszettel auf dem Küchentisch aus. Ketchup, Tee
und Klopapier waren im Marktkauf billiger, Pizza, Aufschnitt und Bananen
im Real. Wenn ich alle sechs Teile im Marktkauf kaufte, sparte ich eine
Mark siebenunddreißig im Vergleich zum Real, dafür war der
Weg weiter und ich hätte die eine Mark siebenunddreißig beim
Sprit verloren. Wenn ich die drei Teile im Marktkauf kaufte, dann zum
Real fuhr und dort die anderen drei kaufte, hatte ich die optimale Ersparnis,
dafür würden sich allerdings die Wegkosten um das Doppelte erhöhen.
Ich konnte mich nicht entscheiden und sah auf die Uhr. Wenn ich bedachte,
dass ich mich vorher, bevor ich aus dem Haus ging, neunmal auf die Toilette
setzte, um noch einen Tropfen herauszupressen, der mir während des
Einkaufs eine drückende Blase hätte verursachen können
(auf Supermarkttoiletten ging ich grundsätzlich nicht), fünfmal
in die Wohnung zurücklief, um nachzusehen, ob ich alle Fenster geschlossen,
die Wasserhähne abgedreht und die Kaffeemaschine ausgestellt hatte,
danach noch einige Male an allen Türen rüttelte, und hinterher,
nach dem Einkauf, 12mal den Kassenbon nachrechnete, die Geldscheine in
meinem Portemonnaie neu sortierte (die größten nach hinten),
die Lebensmittel passend nach Farbe, Größe, Form und Verfalldatum
in den Schrank ordnete und das ganze dann achtmal überprüfte,
hatte ich zum Einkaufen ohnehin keine Zeit mehr.
Stattdessen sollte ich lieber meine liegen gebliebene Korrespondenz erledigen.
Ich setzte mich auf den Schreibtischstuhl und bohrte in der Nase. Dadurch
fühlte ich mich sexuell befriedigt. Die Popel schmierte ich unter
die Sitzfläche. Als ich nach 45 Minuten Nasenbluten bekam, legte
ich mich ein wenig aufs Bett.
Dann rückte ich die Sachen auf meinem Schreibtisch gerade, die mir
während des Nasebohrens etwas verrückt erschienen waren, besah
mir die Anordnung aus der Ferne, verrückte sie noch ein wenig, stellte
den Locher und Tacker an ihren angestammten Platz, besah mir die Aufstellung,
variierte die Abstände zur Schreibtischkante bis alles abgezirkelt
an der richtigen Stelle war, legte die Bleistifte parallel, zwei mussten
neu gespitzt werden, aber das hatte Zeit bis morgen, und beschäftigte
mich weitere zwei Stunden damit.
Nach zwei Stunden musste ich aufhören, da ich zunehmend unruhiger
wurde. Ich hatte heute noch nicht überprüft, ob alle meine Hosentaschen
und Jackentaschen leer waren und langte zu diesem Zweck 11mal in jede
Tasche. Ich bohrte meine Finger tief in die Nischen der Tasche, erst die
rechte, dann die linke, dann wieder die rechte, und drückte so stark
gegen die Nähte, dass ich einige Male den Stoff durchstieß.
Die Zahlen von eins bis elf murmelte ich dabei leise vor mich hin, wobei
die letzten Ziffern etwas lauter und schneller gesprochen wurden. Wenn
ich unterbrochen oder abgelenkt wurde, weil mir zum Beispiel einfiel,
dass ich noch gar nicht nachgesehen hatte, ob alle Kleiderbügel im
Schrank mit der offenen Seite des Hakens nach vorne hingen, musste ich
von vorne anfangen. Nach zweieinviertel Stunden waren alle Taschen durchsucht
und ich holte mir Nähzeug, um die durchstoßenen Nähte
auszubessern.
Für die Korrespondenz war nun keine Zeit mehr, außerdem wollte
ich das ausgestanzte Papierkonfetti in meinem Locher zählen. Es sah
mehr aus als gestern und ich wollte nicht den Überblick verlieren.
Als ich fertig war, es waren tatsächlich zwei mehr als gestern, notierte
ich die Zahl in einem kleinen Notizbüchlein. Dann ging ich ins Bad
und sprühte mir etwas Deo unter den Arm.
Mir war ein wenig nach Gesellschaft, deshalb plante ich, meine Therapeutin
anzurufen. Die Leute unterhielten sich nicht gerne mit mir, weil ich immer
wild mit den Augen rollte, ständig einige Härchen aus den Augenbrauen
riss und sie nachzählte, und nach jedem dritten oder fünften
Wort kleine Schnalzlaute ausstieß, wie in dieser afrikanischen Eingeborenensprache.
Meine Therapeutin störte das nicht. Außerdem musste ich bei
ihr nicht befürchten, dass sie mich besuchen kommen wollte, wie Freunde
das vielleicht taten, die mich dann von meinen Erledigungen abhielten
oder die Dinge in meiner Wohnung durcheinander brachten, so dass ich hinterher
stundenlang alles an seinen angestammten Platz zurück tragen musste.
Ich faltete den Zettel mit ihrer Nummer auseinander, legte ihn auf den
Tisch, hob ihn an, sah darunter, wendete ihn noch einige Male, aber auf
der Rückseite stand wirklich nichts, dann tippte ich die Zahl ein.
Ich drückte auf die Gabel und verglich die Nummer auf dem Display
mit der Nummer auf dem Zettel. Ich wählte erneut. Wieder drückte
ich auf die Gabel und überprüfte die Nummer. Nach dreieinhalb
Stunden gab ich auf und ging ins Bett. Morgen war auch noch ein Tag.
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