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Sandra Stürzel
Die Altruistin
"Ich habe immer nur zu ihrem Besten gehandelt."
sagte Brigitte Steuernagel mit Nachdruck. Ihre Stimme war ein Damm, der
nicht zu brechen schien. Wie ein Tonband, das man ständig zurückspult
und wieder laufen lässt, wiederholte sie denselben Satz. Keinerlei
Modulierung in der Betonung der Silben. Keine Atempause, die sie anders
gesetzt hätte. "Ich habe immer nur zu ihrem Besten gehandelt."
Ihr Blick war dabei undurchdringlich, beinah starr, ihre Brille verschleierte
seltsam ihre Augen. Sie saß kerzengerade auf dem Stuhl, ihre Hände
auf dem Tisch lagen ruhig. Nur manchmal setzte sie blitzartig einen Fingernagel
zwischen ihre Schneidezähne und biss einmal energisch zu, dann krachte
es, sie schluckte das Stück Nagel hinunter und legte die Hand, als
hätte sie sich eine Haarsträne zurecht gelegt, wieder zur anderen,
auf den Tisch.
Brigitte Steuernagel war Sozialarbeiterin, 42 Jahre alt, geschieden, zwei
erwachsene Kinder und ein Haus, das noch nicht abbezahlt war. Das stand
auf der Akte. Der andere Name, der auf derselben Akte neben ihrem stand
war Karin Klemm. Karin Klemm war Sozialhilfeempfängerin, 37 Jahre
alt, seit einem Jahr trocken, ohne Angehörige. Mehr stand da nicht.
Aber bekannt war, dass Karin seit fast zwei Jahren von Brigitte betreut
wurde. Zwei Mal die Woche sollte Brigitte bei Karin nach dem Rechten schauen.
Sie musste ihr Konto verwalten, Behördengänge für sie erledigen,
Besorgungen machen, aufräumen, kurz: Ordnung schaffen in Karins Leben.
"Das war auch dringlichst notwendig." betonte Brigitte Steuernagel
energisch, als ich die Lage noch einmal zusammenfasste. "Müllberge
musste ich aus dem Wohnzimmer beseitigen, alles war verschimmelt, die
verdorbenen Lebensmittel trieften, klebten, stanken überall. Die
Zigaretten hatte sie auf dem Sofa ausgedrückt, Hunderte von Stummel
lagen überall verstreut neben den zerdrückten Bierdosen. Man
konnte nicht atmen. Es war eine Müllhalde, nichts anderes. Ich habe
alles in Ordnung gebracht. Ich bin eine gute Sozialarbeiterin, ganz egal
was Sie von mir denken." Erschrocken und erleichtert über den
unerwarteten Wortschwall, wollte ich gleich ansetzen, damit Brigitte Steuernagel
nur nicht aus dem Schwung kam. Ich schaute sie nicht an, schaute gewollt
konzentriert auf die Akte. Es krachte dumpf und leise, Brigitte Steuernagel
hatte wieder einen Fingernagel geschluckt. Ich wertete das als gutes Zeichen
und fragte: "Wie kam es zur gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen
Ihnen und Frau Karin Klemm?" Als hätte ich sie beschimpft, sprang
sie auf, ihre Hände auf die Hüften gestemmt und legte los: "Karin
ist Alkoholikerin, sie war in der Drogenszene, sie hat keine Familie,
sie hat sich verwahrlosen lassen! Ich hätte sie doch nie mit dem
Gewinn alleine lassen können. Das hätte ein Desaster gegeben.
Sie wäre wieder ins komplette, dekadente Chaos versunken, ich musste
einfach eingreifen. Ich trage die Verantwortung sie vor sich selbst zu
schützen! Nichts anderes als meine Pflicht habe ich getan."
Ich kniff die Augen zusammen, lehnte mich zu ihr und hakte nach: "Gewinn?"
Brigitte Steuernagel erklärte mir danach, dass Karin ein Mal im Monat
Lotto spielte, immer am ersten des Monats. Dies hatte Brigitte Steuernagel
als Motivationsköder eingesetzt und Karin Klemm hatte somit unglaublicher
Weise einen beträchtlichen Gewinn einkassiert. Die Sozialarbeiterin
erklärte mit professioneller Mine und pedantischem Tonfall: "Es
ist meine Aufgabe, sie vor Verwahrlosung zu schützen, ich hatte vieles
mit ihr schon erreicht, sie hatte Fortschritte gemacht, sie wusch sich
inzwischen wieder, sie war sogar in der Lage selbstständig einzukaufen,
wenn man ihr eine Einkaufsliste und das Geld gab. Aber man darf ihr nie
mehr als den genauen Betrag geben sonst säuft sie sich doch wieder
bis zur Alkoholvergiftung. Ich weiß das, ich bin eine gute Sozialarbeiterin.
Ich habe Erfahrung." Ich war mittlerweile auch aufgestanden, bat
sie höflich, sich wieder zu setzen und stützte mich mit den
Händen auf den Tisch. Ich sah und hörte, wie sie nun immer öfter
einen Fingernagel mit den Zähnen abknipste. Ich war auf dem richtigen
Weg zum Geständnis und verschärfte deshalb meinen Ton: "Frau
Steuernagel, eine gute Sozialarbeiterin schlägt ihre Mandanten nicht
krankenhausreif." Es knallte, als Steuernagels Stuhl nach hinten
umfiel, die kräftige Frau schnappte nach Luft und schrie mir ins
Gesicht, sodass ich zurückwich: "Ich habe meine Mandantin nicht
geschlagen! Kein einziges Mal, Sie lügen. Sie haben doch keine Ahnung,
Sie wissen nicht, wie schwer mein Job ist, Sie wissen nicht, was ich täglich
leiste!" Der Damm war gebrochen, es gab kein Tonband mehr, das man
abspulen konnte, keine Ruhe, kein Versteck. Doch ich wusste nicht, ob
das gut war, ich zweifelte an meiner Strategie, ich bereute meinen letzten
Satz. "Ich verstehe Sie. Setzen Sie sich." versuchte ich mit
möglichst wertneutraler Stimme zu sagen. Die Sozialarbeiterin hob
ihren Stuhl auf, setzte sich auf die vordere Stuhlkante und verbarg ihre
Hände vor dem Gesicht. Ich hörte sie in ihre Hände sagen:
"Ich bin eine gute Sozialarbeiterin, ich bin eine gute...".
sie schüttelte bei diesen Worten den Kopf, als wollte sie selbst
ihre Aussage verneinen, als glaube sie selbst nicht an das, was sie sagte.
Ich fuhr fort: "Was hat der Lottogewinn mit der Gewalt zu tun? Haben
Sie ihr das Geld vorenthalten wollen?" Brigitte Steuernagel nickte:
"Sie kann mit Geld nicht umgehen. Sie hatte sich gleich alles bar
ausbezahlen lassen. Diese Aufgabe konnte sie merkwürdiger Weise allein
bewältigen." Bei diesen Worten lachte die Sozialarbeiterin verächtlich
und ihr Blick verdunkelte sich jäh: "Ich musste eingreifen,
zu ihrem Besten. Ich wollte das Geld in Sicherheit bringen, es verwalten,
sie ist nicht in der Lage, dies zu tun. Es ist meine Pflicht, sie vor
sich selbst zu schützen." Nun hatte Brigitte Steuernagel zwei
Fingernägel gleichzeitig zwischen den Zähnen, die andere Hand
hatte sie sich unter den Schenkel geklemmt. Ich setzte ein: "Und
Karin Klemm wollte es ihnen nicht geben, so haben sie es sich mit Gewalt
genommen." Frau Steuernagel nahm die Fingernägel aus dem Mund,
schaute mich anklagend an "Sie ist dabei nur unglücklich die
Treppe im Gang hinuntergestürzt, ganz von selbst. Ich habe immer
nur zu ihrem Besten gehandelt. Ich musste das Geld verwalten, ich kann
viel besser damit umgehen." Ich fragte sie nach dem Verbleib des
Geldes, worauf die Sozialarbeiterin ihren Kopf auf die kalte Tischplatte
legte und emotionslos sagte: "Auf meinem Konto."
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