Thomas Steiner
Süß und Bitter

Tante Helene ist schuld, sie allein, sie allein ist schuld, wenn ich im Kaffeehaus einen Phantomgeschmack bekomme. Einen Phantomgeschmack, was es nicht alles gibt! Es gibt Geschmäcker, die man sein Leben lang nicht los wird, es ist einfach nichts dagegen zu machen. Und was das Kaffeehaus angeht, so war es Tante Helene, die mir für den Rest des Lebens diese Plage eingebrockt hat und das, wo ich doch so gerne ins Kaffeehaus gehe.
Also: an meinem Geburtstag, ich glaube es war der neunte, schenkte sie mir eine Nikolaustüte voll Schokolade. Eine Nikolaustüte, ich erinnere mich genau an das rote Papier, im Frühling! Die Tüte war ja noch in Ordnung, warum denn nicht, aber gefüllt war sie mit dieser Schokolade. Vielleicht hundert kleine Schokoladetäfelchen, jedes nur ein Haps, kaum der Mühe wert, es auszupacken. Ich habe drei oder vier davon gegessen, das reichte für das ganze Leben. Sie waren unfassbar scheußlich.
Ich zeigte sie meinen Eltern und die erklärten mir, dass diese Schokolade aus dem Kaffeehaus kommt, dass man sie zusammen mit dem Kaffee bekommt, als Zugabe, und dass die Tante sie wohl gesammelt hatte, bestimmt jahrelang, jahrelang, und als die Tüte voll war, hat sie sie mir zum Geburtstag geschenkt. Mein Vater lachte unmäßig, er fand das zu bizarr, um sich zu ärgern. Mich aber hat die Schokolade auf ewig traumatisiert: immer, wenn ich ein solches Täfelchen in einem Kaffeehaus auch nur sehe, wie es bei einer Tasse Kaffee liegt, selbst wenn die Tasse drei Tische weiter steht, dann schmecke ich es wieder, dieses ranzige Fett von verdorbener Schokolade, und unabwendbar kommt er, der Phantomgeschmack, und dann kann ich keinen Kaffee mehr trinken. Da ist, wie gesagt, nichts zu machen. Nun gut es könnte Schlimmeres geben: gegen ranziges Süß hilft scharfes Bitter, und dem ist einfach nachzukommen.

back <<