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Wolfgang K. Mathies-Zoller ein kleines bier und eine zigarette, und schon tun sich welten auf. auch
wenn die eigene welt in scherben liegt. seit paul ohne karin ist, hat
er wieder zeit ins kaffeehaus zu gehen. doch die zeit ist ein luder. macht
einem vor, sie zu besitzen, und dann, wenn es vorüber ist, weiß
man erst, dass man sich in ihr verloren hat. auf der suche nach der verlorenen
zeit sitzt paul im kaffeehaus und trinkt sein bier. je mehr bier paul
trinkt, desto mehr zeit vergeht. der abstand zwischen ihm und der welt
wird größer. jetzt hat er, paul, den überblick. die details
springen ihn an. der fokus ist auf andere gerichtet, seine welt ist ausgeblendet.
die beiden frauen am nachbartisch findet paul attraktiv, besonders die
mit dem kurzhaarschnitt. ja, karin hatte lange, blonde haare - eine "abwehrreaktion",
denkt paul. trotzdem, jetzt kann er nicht mehr weghören. die, die
mit dem kurzhaarschnitt, zeigt ihrer freundin eine tischdecke. eine in
olivgrün. die hat sie anscheinend gerade eben erstanden und fragt,
ob die passend ist. paul kriegt mit, dass der kurzhaarschnitt einen mann
zum essen eingeladen hat. ja, die anfänge sind immer aufregend, denkt
paul. er erinnert sich an sein "erstes mal" mit karin. damals,
wo er das chiliconcarne so scharf gekocht hat, dass es nur mehr im feuer
der allergrößten liebe zu genießen war. karins liebe.
diesbezüglich war karin cool. ja, denkt paul, olivgrün passt
ausgezeichnet zu tagliatelle mit kaninchen und olivenpaste. das würde
er auch so machen. mit einem trockenen weißwein dazu. eventuell
dem gleichen mit dem er das fleich ablöschen würde. zugleich
malt sich paul das ende des abends aus. der kurzhaarschnitt wird tränenüberströmt
vor der olivgrünen tischdecke sitzen. das abendessen wird nicht das
gehalten haben, was es versprochen hat. der kurzhaarschnitt wird die rotweinflecken
- wieso hat sie nicht seinen imaginären rat befolgt und weißwein
serviert - betrachten, und darin ihre zukunft sehen. ihre nicht-zukunft.
paul schätzt den kurzhaarschnitt auf mitte dreißig. kinderlos.
biologische uhr und so. die rotweinflecken werden ihr nichts neues sagen.
sie wird weiter allein bleiben, ohne mann, kinderlos. die tagliatelle
waren gelungen, der abend lustig und harmonisch bis auf den rotwein, den
verzeiht paul dem kurzhaarschnitt nicht. dass im bett aus dem weltmännisch
gewandten, eloquenten, witzigen mann ein ziemlicher normalverbraucher
wurde, das war für den kurzhaarschnitt das wenigste. mit so was muss
man rechnen. das wäre zu verkraften gewesen. dass das alles gewesen
sein soll, das hat der kurzhaarschnitt nicht verdauen können. genauso
wenig wie das kaninchen. zuviel olivenöl. zu viele erwartungen. wieso,
wird sich der kurzhaarschnitt denken, gerate ich immer an die falschen.
sie hätte große lust die frau von herrn weltmännisch anzurufen.
immerhin hat sie seinen namen und seine adresse. der kurzhaarschnitt nimmt
stattdessen die schere aus der schublade und zerschneidet die olivgrüne
tischdecke in lange streifen. knüpft sie zu einem seil zusammen und
erhängt sich daran. nein, denkt paul, das wird sie nicht tun. sie
wird aufräumen, am nächsten tag. alles in den mülleimer
kippen. sie wird sich die verheulten augen auf ausgehtauglich schminken
und sich mit ihrer freundin im kaffeehaus treffen. der kurzhaarschnitt
wird ihr ihren schmerz klagen. vielleicht wird er, paul, wieder da sein,
mit seinem schmerz und seinem bier. er wird die geschichte hören
von dem schwein von verheiratetem mann. und dass alle männer... -
paul bestellt noch ein bier. aus scharf wird verschwommen. jetzt wünscht
er dem kurzhaarschnitt, dass alles anders kommt. dass sie einen wunderbaren
abend hat. dass es dem mann nichts ausmacht, dass sie rotwein serviert.
dass sie die tischdecke mit den rotweinflecken noch lange nicht waschen
wird, weil sie aus übermut entstanden sind und ein pärchen zeigen,
wenn man viel phantasie hat. und das haben die beiden gehabt an dem abend.
auch im bett. und der kurzhaarschnitt wird sich am nächsten tag die
ringe unter den augen nicht wegschminken, weil sie zeugen vom glück
sind. sie wird ihrer freundin im kaffeehaus von dem wunderbaren mann erzählen
und paul wird alles hören. er wird sich bier bestellen, vielleicht
einen fernet dazu... - paul fängt an den kurzhaarschnitt zu hassen.
paul gönnt ihr das glück nicht, das er verspielt hat. jetzt
zahlen die beiden. sie gehen. der kurzhaarschnitt zu ihrem rendezvous
mit dem traummann. paul bleibt sitzen, bei bier und fernet und erdenkt
sich welten... |