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Das Bild einer Stadt ist durch die Straßenbahn fast so sehr
geprägt wie von den Fassaden der Häuser, nur variabler.
Sie ist mit ihrer Ausführung, Farbgebung und Linienführung,
mit ihren Haltestellen und ihrer Reklame ein bestimmender Teil der
städtischen Oberfläche, sie beeinflusst den optischen
Charakter einer Stadt, zumindest für einige Zeit.
Eine Straßenbahnfahrt vermittelt ein besonderes Stadtgefühl,
die Häuser, die Straßen, die Plätze, die Parkanlagen,
die Flüsse, die Menschen ziehen beidseits wie auf Bildschirmen
vorbei, man erhält ein Raumbild der Stadt, erfährt zumindest
ein axiales Kontinuum.
Man ist mit Menschen der Stadt auf engem Raum zusammen, kann sie
in Ruhe betrachten, ihre Kleidung mustern, sieht sie in ihrem Zusammenhang
agieren, hört sie reden, kann mit ihnen sprechen, bemerkt ihre
soziale Dynamik, liest ihre Körpersprache, kann/muss sie riechen.
Ein Freund berichtet von 'Volkes Stimme', die dort zu hören
sei, von Stimmungen, von Äußerungen, von Meinungen, von
Trends. Besser als mit jeder Meinungsumfrage erführe er im
Berufsverkehr Gottes Stimme, die ja Volkes Stimme sein soll.
Straßenbahnfahren ist eine besondere Form anonymer Massengeselligkeit.
Meine erste Fahrt mit einer Bahn verdanke ich dem Gauleiter von
Tirol, Franz Hofer. Der sei nicht nur ein überzeugter Nationalsozialist,
vor allem aber ein fanatischer Tiroler gewesen, dem es für
kurze Zeit gelungen sei, in den alten Tiroler Grenzen sogar über
Welschtirol zu herrschen, quasi als etwas später gefürsteter
Graf von Tirol.
Im Frühjahr 1942 zeichnete sich nach dem Debakel vor Moskau
schon der Untergang des Dritten Reiches ab, und immer mehr Lazarettzüge
wurden von der Ostfront in die sogenannten Alpengaue umgeleitet.
Dort kamen die Bomber aus England nicht hin - der Jagdschutz flog
nicht so weit - und in den Fremdenverkehrsorten gab es Hotels zu
requirieren.
Zell am See sei so ein Ort gewesen und das Krankenhaus habe einem
Feldlazarett geglichen. Etwa 50 km zwei Mal ums Eck, in Kitzbühel,
sei die Situation entspannt gewesen, weil der Tiroler Gauleiter
die Züge mit Verwundeten nicht ins Land gelassen habe. Er lasse
sich doch nicht die Hotellerie ruinieren, soll er geäußert
haben.
Die Mutter fuhr also mit der damaligen Reichsbahn nach Kitzbühel,
ich kam zu einem Tiroler Geburtsort und etwas später, im Wäschekorb,
zu meiner ersten Bahnfahrt.
In Zell am See gab es keine Straßenbahn, dafür die Eisenbahn
im beiderlei Gestalt: Die spätere BBÖ-Westbahn (ÖBB
heißt sie noch nicht so lange) und die Pinzgauer Lokalbahn.
Wir wohnten dem gemeinsamen Bahnhof gegenüber, etwas erhöht
und noch dazu im ersten Stock, sodass selbst ich als Zwerg durch
das Balkongeländer spähend noch die Übersicht hatte.
Ich interessierte mich offenbar für die Eisenbahn, wahrscheinlich
genetisch bedingt, der Großteil der männlichen Menschheit
ist von technischen Systemen fasziniert, wie beispielsweise auch
vom Automobilismus. Das Spannungsverhältnis zwischen der Konstanz
des rollenden Materials und der Variabilität innerhalb von
begrenztem Schienennetz und Fahrplan ist gerade bei Bahnen ziemlich
ausgewogen.
Die Westbahn war damals schon durchgehend elektrifiziert, sodass
für mich eine 'ordentliche' Eisenbahn vom großen grünen
Krokodil und ähnlichen Loks gezogen wurde. Damit rauschten
die wenigen Schnellzüge durch, und lange Güterzüge
hatten eine zweite Lok. Die meisten Züge hielten am Zeller
Bahnhof, und ihre E-Loks brummten vor sich hin, als wären sie
mit der getanen Arbeit zufrieden. Vielleicht rührte der Eindruck
auch vom Lokführer, der auf die verschränkten Arme gestützt,
hochmütig aus seinem Führerstand auf das Treiben am Bahnsteig
blickte. Ließ eine ruhende E-Lok aber den Stromabnehmer steigen,
dann blitzte es ordentlich am Fahrdraht, und aus ihrem Inneren drang
ein geheimnisvolles Brummen, Rauschen und Klacken, das beim Anfahren
beträchtlich anschwoll.
Nur einmal zog in meiner Erinnerung eine Dampflok vorüber,
solipsistisch, ganz ohne Zug, ein schier endloses schwarzes Ding,
das majestätisch vorbeidampfelte. Sie war wohl aus der 52er-Serie,
die tausendfach in Europa unterwegs war und die, wie der Vater bemerkte,
als Kriegslokomotive für 10 Jahre ausgelegt, viermal so lang
hielt. Ein letztes Exemplar habe ich Jahrzehnte später vor
einem Güterzug der Graz-Köflacher Bahn gesehen.
Irgendwo in einer anderen Welt musste es also auch Dampflokomotiven
auf Normalspur geben. Die Dampflok, die ich kannte, zog die Pinzgauer
Schmalspurbahn von Zell nach Krimml, und die bereitete mir mit ihrem
niedlichen Gedampfe, Gestampfe und Geschnaufe beim geschäftigen
Rangieren ein besonderes Vergnügen.
Der Vater arbeitete am Kraftwerk Kaprun. Die beiden Maschinensätze,
die 1944 in Betrieb gingen, waren über ein Schleppgleis zum
Krafthaus transportiert worden. Dieser schon lange aufgelassene
Bahnanschluss sei von Bruck a. d. Glocknerstraße ausgegangen,
entgegen den Ober-Pinzgauer-Wünschen, die den Umbau der Krimmler-Bahn
auf Vollspur von Zell am See aus erhofft hätten.
Zwischen den vier Druckrohren der Hauptstufe des Kraftwerks sei
für den Rohrtransport ein 18-t-Schrägaufzug angelegt worden.
Bei der Probefahrt sei er der Lieferfirma 'ausgekommen' und habe
zwei Fremdarbeiter erschlagen. Die Hochregion mit den Talsperren
erreiche man, immer noch, mit dem 50-t-Lärchenwaldaufzug, auf
dem zwei Lastautos Platz hätten. Der Baubetrieb inner- und
außerhalb der Stollen sei damals mit Loren auf Feldbahngeleisen
bewältigt worden.
Zell am See war also ein 'bedeutender' Bahnknoten, es war Krieg,
und es war die letzte wirkliche Hoch-Zeit des öffentlichen
Verkehrs dieser Art. Die Sirenen heulten, man hastete in die Luftschutzstollen,
und Bomber zogen über den Himmel. Ab und zu machte ein Begleitjäger
eines Bomberpulks auf dem Rückflug nach Italien Jagd auf Züge
und Fahrgäste, die wie die Hühner auseinander stoben.
So habe ich es zumindest vage in Erinnerung, wie auch den Aufmarsch
zu 'Führers Geburtstag', dem letzten.
Dann war Szenenwechsel, an der Wand im Wohnzimmer war ein heller
Fleck, ein schwarzer Soldat befestigte an unserem Balkon die amerikanische
Fahne für die Siegesparade, und ich zog eine Holzeisenbahn
auf dem Balkongeländer entlang, um die Aufmerksamkeit des interessanten
Fremden zu gewinnen. Die Mutter streifte in der Küche Milz
aus und missbilligte meine Fraternisierungsversuche.
Einige Jahre später reisten wir oft mit der Bahn von Graz
nach Lienz und zurück, in Zügen mit mächtigen richtigen
Dampflokomotiven. Bei den Aufenthalten machten wir dem schwarzen
Monster unsere Aufwartung und bestaunten leicht beklommen das zischende,
dampfende, pfauchende Ungetüm. Die Angewohnheit, das Zugtier
zu besuchen, behielt ich bei, als ich viel später als Student
zwischen Innsbruck und Graz pendelte.
In Graz gab es Straßenbahnlinien sonder Zahl, zweiachsige
Triebwagen mit und ohne Anhänger schlingerten die ausgefahrenen
Geleise entlang. Oft hatten sich die Schienen gesenkt, und am Pflaster
waren die Schleifspuren des Fahrgestells zu sehen. Die Garnituren
waren weit aus der Vorkriegszeit und den Landesfarben entsprechend
grün-weiß. Die Plattformen der Motorwagen hatten wohl
Windschutzscheiben, waren aber seitlich offen. Der Fahrer drehte
stehend an Gashebel wie Bremskurbel und hatte im Winter einen dicken
Pelzmantel. Die Plattformen der Anhänger waren zum Teil überhaupt
offen, sodass der Wind um die Ohren blies. Die Fahrgäste im
Innern saßen einander auf hölzernen Längsbänken
gegenüber, dazwischen klammerten sich die Stehenden an die
Schlaufen.
Der Schaffner drängte sich durch die Fahrgäste und zwickte
Tag, Monat und Uhrzeit in die 'Fahrausweise', aber keine Jahreszahl.
Das hatte mich auf die ungemein gute Idee gebracht, die Fahrscheine
ein Jahr lang aufzubewahren, um sie als Umsteigekarte wieder zu
verwenden. Im entscheidenden Augenblick verlor ich jedoch die Übersicht,
und die Aktion endete in größter Peinlichkeit vor dem
Direktor der Verkehrsbetriebe, Strafzahlung eingeschlossen.
Mit einem unter der Decke durchlaufenden Lederriemen gab der Schaffner
das Klingelzeichen zur Abfahrt, bei Problemen forderte er mit heftigem
Geläute einen Stopp. Das hat mich einmal gerettet, als ich
auf die wirklich gute Idee gekommen war, zwischen den Wagen auf
den Puffern stehend mitzufahren.
Mit dem Klingelknopf am Boden konnte der Fahrer seinerseits zur
Warnung heftig bimmeln. Einmal hab' auch ich mich am hinteren Führerstand
als Bimmler betätigt und wurde mit roten Ohren vom empörten
Schaffner in das Innere zwangsverfrachtet. Diese Heldentaten fielen
allerdings schon in die Innsbrucker Zeit.
Graz war, vom Süden und Osten durch den Eisernen Vorhang abgeschnitten,
eine arme Stadt und die Zerstörungen durch die Bomben waren
beträchtlich. Anfang der 50er war es wohl trotzdem an der Zeit,
den Fuhrpark zu erneuern. Sparsam wurden wieder Zweiachser angeschafft,
das alte Fahrgestell gewissermaßen mit einem doppelt so langen
Aufbau. Die Garnituren schlingerten noch mehr in den ausgeleierten
Schienen, vor allem war der Achsdruck beträchtlich höher,
und in Kürze war das Schienennetz endgültig ruiniert.
Ganz Graz verwandelte sich in eine Gleiskörperreparaturbaustelle.
Diese Wagen waren mit Sperrholz beplankt, der Schaffner hatte einen
eigenen erhöhten Sitz, die Signale waren elektrisch, und auf
beiden Seiten gab es zischende Schiebetüren. Damit wurden die
'Kopfbahnhöfe' bedient, Gleisenden also mit zwei Wechseln.
Davon hatte Graz einige, denn das Straßenbahnnetz wurde laufend
verkleinert, Autobusse seien doch viel billiger, man erspare sich
die Erneuerung des Gleiskörpers, die Linienführung wäre
variabler etc. Eine Kurzsichtigkeit ohnegleichen, kommentierte der
Vater bei der Einstellung des Zweiers, die Lebensdauer der Straßenbahn
wäre um vieles höher, die Kapazität ungleich größer,
der Betrieb letztendlich billiger. Viel später bin ich in Zürich
auf Garnituren mit ähnlichem Baujahr wie die damaligen Neuanschaffungen
gestoßen, die waren allerdings Vierachser, hatten einen gediegenen
Aufbau und waren auch nach vierzig Jahren bestens in Schuss. Das
Züricher Straßenbahnsystem schien überhaupt vorbildlich,
die meisten Linien hatten einen eigenen Gleiskörper, man konnte
an jeder Station am Automaten eine Karte bis weit in das Umland
lösen, die Ampeln schalteten für jede Tram automatisch
auf Grün, und auch diese uralten Garnituren glitten ruhig und
elegant dahin. Das reiche Zürich konnte sich halt schon früh
das Beste leisten.
Ab und zu sieht man noch einen von diesen langen Zweiachsern als
Single durch Graz gondeln, als Schmierwagen orange gehalten, und
auch als Schrebergartenhütterl gibt es sie noch vereinzelt.
Vor dem Krieg war die Grazer Straßenbahn ja nicht grün-weiß,
vielmehr beige mit gold-grünen Streifen und gravitätischen
Nummern. Und sie fuhr auf der linken Straßenseite, wie man
auf alten Fotos verwundert feststellt. 'Als junges Mädl bin
ich bei der Straßenbahn immer auf- und abgesprungen', hatte
die Mutter erzählt, 'aber nach der Umstellung konnte ich mich
nicht mehr umgewöhnen'. Da war sie allerdings schon dreißig
und hatte andere Interessen als diesen nicht ungefährlichen
Sport. In Österreich fuhr man vor dem Krieg links, was bei
der Eisenbahn großteils noch immer der Fall ist. In den westlichen
Bundesländern hatte man allerdings schon früher auf rechts
umgestellt, der Touristenverkehr zwischen den rechtslastigen Ländern
Italien und Deutschland hatte zu viele Unfälle verursacht.
Max Reisch, ein Vetter der Mutter, war zusammen mit Herbert Tichy
in einem Steyr 200 um die ganze Welt gefahren; nach der Grenze bei
Thörl-Maglern sich angestrengt auf der linken Seite haltend,
wurde er von einem desorientierten deutschen Touristen 'abgeschossen'.
Der 'Anschluss' an Nazi-Deutschland brachte dann endgültig
alles auf die 'rechte' Seite, was zumindest beim Straßenverkehr
so blieb.
Eine Grazer Linie vor dem Krieg war allerdings rot und fuhr auf
Schmalspur, als wäre sie dem Innsbrucker System entfleucht:
Die rote Mariatroster Tramway. Sie rumpelte von der Zinzendorfgasse
quer durchs Universitäts- und Villenviertel Richtung Hilmteich
und weiter als Vorortlinie nach Mariatrost. Sie soll, so behauptet
die Tante, den Schlaf des Reichspostdirektors zu oft gestört
haben. Rigoros, wie damals üblich, hätte er sie einfach
einstellen lassen, und die Garnituren seien nach Istanbul verkauft
worden. Die Linie wurde jedenfalls in die GTG, die Grazer Tramway
Gesellschaft, eingegliedert und auf Normalspur umgestellt, nachdem
der störende Streckenteil verlegt worden war. Die Uni hatte
danach keinen rechten Verkehrsanschluss mehr und der Reichspostdirektor
schläft auch schon lange nicht mehr in Graz.
In Innsbruck waren die Fahrzeuge der IVB, der Innsbrucker Verkehrsbetriebe,
den Landesfarben entsprechend oben in (einem gelblichen) Weiß
und unten in tiefem Rot gehalten. 'Tiroler Adler, warum bist du
so rot? Ich bin so rot von der Feinde Blut
', kündet
ein patriotisches Lied. Die Innsbrucker hatten zwei Straßenbahn-
und zwei O-Buslinien. Die Garnituren ähnelten bis auf die Bemalung
denen der Grazer, nur wirkte alles der Schmalspur wegen etwas kleiner.
Die Einserlinie war gleichsam die Heldenlinie, sie startet/e am
Fuß des Berg Isel, auf dem sowohl der ruhmreiche Andreas Hofer
in Bronze als auch die nicht weniger ruhmreiche Sprungschanze in
Beton steht, quert die Stadt und dreht/e erst wieder beim Riesenrundgemälde
an der Kettenbrücke um, die schon lange an keiner Kette mehr
hängt. In diesem Rundbau aus dem Jubiläumsjahr 1908 wird
die Schlacht am Berg Isel ganz wundervoll realistisch und doch abgehoben
dargestellt, ein Muss unter den örtlichen Sensationen neben
dem Goldenen Dachl und der Schwoazmandakchiachn, dem Grabmal des
Ersten Maximilian. Dem Kaiser Max, der am Sterben gewesen sei und
um Einlass in die Stadt gebeten habe, sollen die Innsbrucker ausgerichtet
haben: Kchoasa, du hoscht no Schuldn vom letschtn Mol bei ins. Wennsch
zolsch, kchimsch eina. Seine überlebensgroßen Vorfahren
in Bronze standen vergeblich Spalier in der Kirche, die bemerkenswerte
Grabstätte ist leer, der Kaiser, der Tirol über alles
geliebt hatte, war wieder einmal blank und starb in Wels. Gschäft
isch Gschäft und Schnops isch Schnops.
Auf der Einserlinie drehte auch ein Unikat seine Runden, die 'Mailänder
Raffl', wie die Mitschüler sagten. Die war ein langer eleganter
'Monoposto', vier davon wären aus Mailand gekommen, drei hätten
die Bomben erschlagen. Und so warteten die Schüler geduldig,
bis dieses Einzelexemplar unter Aluminiumgeklapper wieder kam, mit
seinen vier Achsen, den drehbaren Sitzen, dem sitzenden Fahrer und
den pneumatischen Falttüren. In Rom habe ich in den Achzigern
diesen Typ wieder getroffen, zu Füßen des Österreichischen
Kulturinstituts an der Endstation der einzigen Römer Linie,
allerdings in den Farben blau-weiß und mit dem SPQR auf dem
Wappen - dem Senatus Populus Que Romanus auf den Standarten der
Römischen Armee - Senat und Volk von Rom.
Innsbruck hatte aber auch noch zwei Vorortelinien, die bis in die
Stadt fuhren, die Haller und die Igler 'Trampl'. Beide hatten ähnlich
der alten Mödlinger Bahn riesige vierachsige Motorwagen, die
vier Wagerln nachzogen, ähnlich einer Ente, die ihre Küken
führt. War die Zugmaschine ein hohes, vierkantig geschlossenes
und holzverkleidetes Monster, so hatten die Wägelchen vorne
und hinten offene Plattformen, und der Innenraum war gerade vier
sitzende Passagiere lang. Sie seien schon mit Dampf und davor von
Pferden gezogen worden, behauptete die Mutter. Der Schaffner jedenfalls
schwang sich während der Fahrt kühn von Wagen zu Wagen,
während der Sechser in langen Schleifen romantisch durch den
Wald fuhr, vorbei an der einsamen Station für nur eine Tante
mitten im Wald namens 'Tantegert' nach 'Kurort Igels' am Fuß
des Patscherkofels oder während der Vierer Solbad Hall über
offenes Land 10 km ostwärts erreichte. Dabei bemächtigte
sich eines Tages der Föhn einer Garnitur, hob sie aus den Gleisen
und warf sie zur Seite. Bald darauf hat man sie wohl eingestellt,
und heute erinnert außer einem Durchlass im Bahnviadukt nichts
mehr an diese wunderbare Linie, die bei hoher Geschwindigkeit abenteuerlich
in den Geleisen schlenkerte. Mit beiden Bahnen fuhren wir der feschen
Mädels wegen zum Baden, ins Haller Bad oder zum Lanser See.
Meistens benutzten wir allerdings das Radl. Die Straße nach
Lans war sausteil, aber der Autobus hatte hinten einen kleinen Haken,
an dem im Winter der Schiträger eingehängt wurde. An den
hängten wir uns als blinde Passagiere mit einem Nummernschloss
ein, ständig bedroht vom Fahrer, der uns abschütteln wollte,
von der Geschwindigkeit in den Flachstücken und vom Auspuffrohr,
das unseren Vorderrädern leicht in die Quere kam.
Bei der Remise am Berg Isel standen jahrelang geheimnisvolle hellgelbe
Garnituren mit der Aufschrift 'Thunersee Bahn', die irgendwann doch
noch einen Innsbrucker Anstrich erhielten und mit ihren befremdlichen
Heck- und Frontrundungen auf der Dreierlinie durch die Triumpfpforte
und an der Annasäule vorbeifuhren, um sich etwas später
unter dem Westbahnviadukt durch im Ortsteil Pradl zu verlieren,
bekannt durch die Pradler Ritterspiele, die noch jahrelang in Wien
aufgeführt wurden: Kopf ab? Ja bitte, da capo!
Die Annasäule markiere für die Tiroler den Nabel der Welt,
sagen die einen, das Heilige Land sei schließlich einzigartig,
andere halten die Maria-Theresien-Straße für einen Raketenschießplatz
und die Annasäule für eine Rakete, jederzeit bereit, die
Großmutter Gottes leiblich in den Himmel zu schießen.
Graz hat seinerseits eine Mariensäule zur Erinnerung an deren
leibliche Himmelfahrt, seit 2003 - Kulturhauptstadt, gibt es daneben
sogar einen Abschussturm mit Lift.
Eines meiner Projekte als Anbindekünstler war, durch Niederbinden
dieses heiligen Projektils ein Abheben zu verhindern, ein anderes,
die Haller Bahn anzupflocken. Bei der kam ich allerdings zu spät.
In das Stubaital fuhr die merkwürdige Bahn einer eigenen Gesellschaft
bis nach Fulpmes, mit richtigem Bahnhof und Fahrdienstleiter mit
rotem Kappel. Obwohl auch auf Meterspur unterwegs, waren deren Wagen
etwas größer und nicht rot, sondern braun. Sie fuhr mit
Wechselstrom, was mit außergewöhnlichen Geräuschen
verbunden war. Sie sei als Versuchsbahn die erste ihrer Art in der
Monarchie, ja der Welt gewesen, behauptete der Vater. Die Innsbrucker
fuhren damit zum Schifahren auf der Mutterer Alm, wobei für
die Schi extra ein offener Güterwagen mitgeführt wurde.
Das war dann immer ein Geschlichte und Gezerre, um seine Bretteln
möglichst schnell aus dem hoch aufgetürmten Haufen zu
bekommen. Jetzt wird sie allerdings von roten Straßenbahngarnituren
des Düsseldorfer Modells bevölkert.
Im Innsbrucker Stadtgebiet kann man ja mit öffentlichen Verkehrsmitteln
von 500 auf 2.100 m Höhe fahren. Zuerst mit dem Einser zum
Riesenrundgemälde, dann mit der Bahn auf die Hungerburg, einer
Standseilbahn wie die auf den Grazer Schlossberg, nur doppelt so
lang bzw. hoch, mit der damals, als wir damit zur Schule fuhren,
im großen Stil Touristen 'gebaggert' wurden, anschließend
die Luftseilbahn auf die Nordkette, die wir zum Schifahren benutzten.
Damals waren Seegrube und Hafelekar beliebte Touristenattraktionen,
der Blick von oben ist ja auch wirklich bemerkenswert, wie von einem
Wolkenkratzer, allerdings von einem über 2.334 Meter hohen.
Die neuesten Hochhausprojekte sind derzeit gerade bei 600 m angelangt.
Als Schüler absolvierten wir die obligate Wien-Woche. Nicht
nur Burg und Oper wurden uns Tiroler Grünspechten vorgeführt,
wir erhielten auch eine Einführung in den Fortschritt in Sachen
Wiener Verkehr. Eine U-Bahn könne und wolle man sich auf keinen
Fall leisten, alle Sozialleistungen müsste man dafür auf
Jahrzehnte einsparen. Dafür sei man auf die revolutionäre
Idee der 'Ustraba' gekommen, der Unterpflasterstraßenbahn.
Jonasreindl und ähnliche Flachlösungen waren die Folge.
Den Bericht darüber kommentierte der Vater verächtlich
mit dem Hinweis, Budapest habe schon die längste Zeit eine
U-Bahn, von London oder Paris ganz zu schweigen, es sei unsinnig,
das Geld mit nicht einmal halben Lösungen zu verplempern. Wie
Recht er doch hatte, der Herr Papà.
Um zur Eisenbahn des Anfangs zurückzukehren, Innsbruck liegt
nicht nur am grünen Inn, sondern auch beiderseits der schon
so lange elektrifizierten Westbahn, die auf einem mächtigen
Viadukt die Stadt durchschneidet. Wie von der New Yorker Hochbahn
sieht man den Innsbruckern beim Wohnen zu und über den Dächern
zieht das Panorama der Nordkette vorüber.
Die abzweigende Brennerbahn war ein beliebtes Ausflugsmittel für
die Bergsteiger und Schifahrer, vor allem aber für die Weinbeißer.
Der Kalterer war auf der Südtiroler Seite so billig, dass sich
die Bahnfahrt für Pensionisten auf jeden Fall lohnte, der 'Gewinn'
stieg schließlich mit jedem Vierterl beträchtlich.
Die Karwendelbahn wiederum führt nach Scharnitz im Norden und,
damals exterritorial, weiter ins Außerfern. Sie fährt
mitten durch die Martinswand, aus der einst der Habsburger Maximilian,
Römischer Kaiser und 'letzter Ritter', von einem Engel gerettet
worden sei, als er sich bei der Gamsjagd verstiegen habe. Quere
ich die Schienen auf der Fahrt zur Schwester, erscheinen sie mir
so steil, dass ich die Zahnstangen vermisse. Sie sei eine bedeutende
frühe Ingenieursleistung, sagte der Vater, die zu Unrecht im
Schatten der Semmeringbahn stehe. Zahnstangen und Zahnrad hat hingegen
die Achenseebahn, die so steil ist, dass sogar die Lok schräg
gebaut ist. In Jenbach beginnt auch die Zillertalbahn, die nur durch
den Gerlospass von der Pinzgauer Schmalspur getrennt ist.
Jetzt ist auch in Innsbruck alles ganz anders, die liebenswerten
alten Garnituren sind schon längst aus dem Verkehr gezogen,
obwohl sie immer noch führen, stünden nicht die Sicherheitsbestimmungen
und der Personalaufwand dagegen. Eine Eisenbahn, sagte der Vater,
sei ja nicht umzubringen. Innsbruck hat auch Abstand genommen 'von
der Feinde Blut', ein beigegraues Weiß ziert die Fahrzeuge
der IVB, ein idealer Untergrund für Werbung und die Straßenbahnausgabe
von 'Cognac & Biskotten'.
Vor etwa 35 Jahren kam ein Deutscher, der in Graz ein Werbeunternehmen
betrieb, auf die Idee, die Straßenbahn als Werbeträger
zu vermarkten. Die Kronen Zeitung expandierte gerade in die Steiermark
und schon war der Handel perfekt. Da war einer wohl nicht ganz eingeweiht
in die örtlichen Seilschaften und hatte die Rechnung ohne den
Wirt gemacht, sprich den angestammten Platzhirsch im Blätterwald.
Der hatte Einfluss genug, die Verkronung des Grazer Stadtbilds zu
hintertreiben. Der Prozess zog sich jahrelang hin, der Werbefritze
war ruiniert, selbst wenn er nach 20 Jahren doch noch Recht bekommen
haben soll.
Auch in Graz tummeln sich schon längst die Gliederzüge
des Dortmunder Modells, erst mit einem, dann mit zwei Gelenken.
Dazu liefen eine Zeit lang ausgemusterte Garnituren aus Wuppertal,
die aber doch zu marod waren. Sie wurden bald ausgebandelt und der
Mittelteil in die ersten Sechsachser eingebaut. 'Aus 2 mach 3',
malte die GVB-Werkstätte stolz auf ihre Meisterwerke.
Vor einiger Zeit sind pfeifende Läufer dazugekommen, keine
Waldläufer, sondern Stadtrenner, sogenannte Cityrunner mit
vier Gelenken, die, zumindest optisch, bleischwer über das
Pflaster schnüffeln.
Hätten wir Verhältnisse wie in Karlsruhe, würde die
Straßenbahn auch hier schon längst auf den Gleisen der
Bundesbahn zum Flughafen fahren, nach Autal auf der Ostbahn, nach
Lieboch auf der Linie der GKB, der Graz-Köflacher-Bergbaugesellschaft,
und in den Übelbachgraben. Diese Linie gehört allerdings
den Steirischen Landesbahnen, wie auch die, die ähnlich der
Igler Bahn in Innsbruck, durch den Wald schlingel schlangel nach
Gleichenberg kurvt.
Ping (Schaffner), poing (Fahrer) machte einstmals in aller Früh
der Zweier unter dem Fenster unserer ersten Grazer Studentenbude,
riss uns aus dem Schlaf und setzte sich wieder quengelnd in Bewegung.
Ewig schad um den Zweier, der einstmals als Motorwagen solo in kleinem
Kreis den Schlossberg umrundete und in einem großen am Hauptbahnhof
vorbeikam. Die Zweier-Nostalgie teilt Graz mit Wien, wo noch immer
von der Zweierlinie die Rede ist, von der es schon längst nicht
einmal mehr die Geleise gibt. Was es aber mit dem Innsbrucker Zweier
auf sich hatte, blieb mir immer ein Geheimnis.
Ich liebe Straßenbahnen sehr, dennoch tue ich alles, um nicht
mit ihnen fahren zu müssen. Lieber trete ich bei Schneesturm
fünf Kilometer in die Pedale, als mich zu unterwerfen. Denn
Straßenbahn heißt Unterwerfung, Unterwerfung unter den
Fahrplan, Unterwerfung unter die Unpünktlichkeit, Unterwerfung
unter die Einschließung, Unterwerfung unter die Drängerei,
Unterwerfung unter den geredeten Blödsinn, Unterwerfung unter
die Hitze, Unterwerfung unter den strengen Geruch, Unterwerfung
unter die Hässlichkeit, Unterwerfung unter
Straßenbahn
ist ein notwendiges, ein wichtiges, ein richtiges Verkehrsmittel,
aber es entmündigt, es beraubt der Freiheit, zumindest mich
der meinen.
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Der Untergrund
In der Grazer Herrengasse wurden im Sommer 2005 die Geleise ausgewechselt.
Am 9.-10. Juli wurde zwischen zwei dadurch vorübergehend abgeschnittenen
Linien eine eingleisige Verbindung mit zwei Wechseln hergestellt.
Es rumpelte beträchtlich, wenn die Garnituren darauf auffuhren.
Ab 11. Juli wurde der Belag zwischen den Geleisen entfernt, die
alten Schienen abgebaut und die Betonunterlage herausgeschremmt.
Auf einem Sandbett betonierte man die neue Unterlage und verlegte
darauf als Schalldämmung eine hellblaue Hartschaumschicht,
worüber eine schwarze Isolierschicht verschweißt wurde,
auf welcher die Basissockel angeordnet wurden. Auf diesen wurden
die neuen Geleise samt Befestigungsklauen eingerichtet, die sodann
bis zur Schienenunterkante einbetoniert wurden. Die letzte Schichte
wurde asphaltiert oder als Stöcklpflaster ausgeführt.
Die Fugen wurden mit Gussasphalt verschlossen. Die Umleitung wurde
wieder abgebaut, der Fahrdraht umgehängt und am 22. August
gab's wieder "Bahn frei" für alle Linien durch die
Grazer Herrengasse.

     
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