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Hartmuth Malorny
Eine Straßenbahnfahrt
Schon acht Minuten über der Zeit. Die Bahn nach Wickede ließ
sich nicht blicken. Meine Tochter Silvia nörgelte ein wenig und schaute
zu den Jungs rüber, die an der Haltestelle Reinoldi-Kirche in einer
Gruppe zusammenstanden. Es war ein heißer Tag im Sommer. Später
Nachmittag. Mein Hemd klebte am Körper. Neben mir entdeckte ich eine
leicht bekleidete, hübsche, junge Frau. Ihr blondes Haar wehte im
kühlenden Wind und ihre Augen blinzelten. Der Vorteil des heißen
Wetters lag auf der Hand, man zeigte seine Sommerkollektion. Dann kam
die Straßenbahn.
"Ladies first", sagte ich zu der jungen Frau, die sich wie ich
und meine Tochter, an der vordersten Tür angestellt hatte.
"Und ich?", fragte Silvia.
"Nach mir!"
An allen Türen herrschte ein Gedränge, halb Dortmund, so schien
es, wollte nach Wickede. Wir wurden geschubst und geschoben, aber mehr
als drei Schritte hinter die Fahrerkabine schafften wir nicht. Ich sah
den gequälten Gesichtsausdruck des Fahrers. Nach zwei Minuten rief
er: "Bitte zurücktreten, hinter mir ist die nächste Drei."
Er kriegte endlich seine Türen zu und fuhr los - noch bevor ich den
Haltegriff erwischt hatte. So wurde ich unweigerlich an die junge Frau
gepresst.
"Hoppla", lächelte sie.
"Entschuldigung", lächelte ich zurück.
Silvia schaute zu mir hoch: "Mensch Papa, wer bei drei nicht auf
den Bäumen ist, oder was?"
"Ich bitte dich, wir hängen hier wie die Ölsardinen."
"Ist schon gut", sagte die junge Frau, doch kurz vor der Haltestelle
Ostentor lag ich wieder in ihren Armen.
"Papa..."
"Ihre Tochter passt ja ganz schön auf."
"Das ist nicht meine Tochter, sie ist mir vor zwei Wochen zugelaufen..."
"Papa", sagte Silvia, und "Au" sagte ich, denn sie
hatte es geschafft, mir trotz der beengten Platzverhältnisse einen
Tritt vors Schienbein zu verpassen.
"Nächster Halt: Funkenburg!"
Ein paar Fahrgäste stiegen aus, neue kamen hinzu.
"Puh", stöhnte eine alte Dame auf dem rechten Einzelsitz,
der Mann gegenüber nickte und wischte sich den Schweiß von
der Stirn.
Plötzlich klingelte es lang anhaltend und wie von einer Geisterhand
geschubst, landete ich abermals in den Armen der jungen, blonden und hübschen
Frau. Der Fahrer hatte abrupt gebremst und rief laut: "Schnarchhahn!",
und als die Bahn stillstand, sagte ich zur jungen Frau: "Sie können
mich jetzt loslassen."
Silvia meinte schnippisch: "Das sag' ich Mutti."
Ich kassierte ein weiteres Lächeln der jungen Frau und die Bahn setzte
sich wieder in Bewegung.
"Was ist eigentlich ein Schnarchhahn?", wollte Silvia wissen.
"Das ist einer, der keine Augen im Kopf hat."
"Keine Augen im Kopf? In der Schule sagen wir Blindfisch dazu."
Die junge Frau, die alte Dame und ein Typ schräg hinter mir nickten
zustimmend. Damit untergruben sie den Rest meiner väterlichen Autorität
und Silvia schaute keck zu mir hoch, sie war es gewohnt, dass man ihr
beipflichtete, aber ich ließ mir nichts anmerken.
"Sie hat Recht", mischte sich nun der ältere Mann der alten
Dame ein, "wer keine Augen im Kopp hat, ist ein Blindfisch."
"Was du schon weißt", entfuhr es der alten Dame, die seine
Frau zu sein schien.
"Aber das stimmt ja, Sie müssen wissen", und dabei drehte
er seinen Kopf in meine Richtung, "unser Sohn sagt das manchmal zu
mir wenn ich Zucker und Salz verwechsle. Deshalb bin ich noch lange kein
Schnarchhahn."
"Nein?", meinte die ältere Dame, "der junge Mann sollte
dich einmal nachts hören."
"Berliner Straße!"
Einige Fahrgäste drängelten raus, doch an einen Sitzplatz war
nicht zu denken. Wir kriegten nur ein bisschen mehr Beinfreiheit, konnten
endlich ohne Körperkontakt zu einer anderen Person vernünftig
ein- und ausatmen, und was wir rochen waren die Düfte und Dünste
und ich war froh, dass ich mich rasiert hatte.
"Und was ist jetzt ein Schnarchhahn?", fragte Silvia.
"Wir hatten früher einen Bauerhof", antwortete der alte
Mann.
"Bauernhof, pft", meinte seine Frau und zog verächtlich
Luft durch die Nase, "zwei Schweine, eine Kuh und ein paar Hühner."
"Darum geht's gar nicht, es geht um den Hahn..."
"War das ein Schnarchhahn?", fiel ihm Silvia ins Wort.
Die junge Frau neben mir lächelte wie es nur Frauen können,
die keine Kinder haben und der Typ hinter mir, den ich ungefähr so
alt wie mich wähnte, grinste ein perfektes kinderloses Grinsen.
"Am Zehnthof!"
Die Bahn leerte sich merklich. Auch der Typ stieg aus. Er grinste noch,
als er im Vorbeigehen zu mir reinschaute und den Daumen hochhielt.
"Können Sie für uns drücken?", fragte mich die
ältere Dame, "die nächste müssen wir nämlich
raus."
Ich streckte meinen Arm in Richtung Haltewunschknopf, und dabei fuhr ich
unabsichtlich durchs lange, blonde Haar der jungen Frau. Ich konnte von
Glück reden, dass Silvia just in diesem Moment das abgebrochene Gespräch
mit dem alten Mann aufnahm, denn sonst hätte ich meiner Frau zwei
blaue Flecken an den Beinen erklären müssen.
"Was war denn mit ihrem Hahn?"
Die Bahn hielt. Die beiden alten Leute standen auf und schlurften zur
Tür.
"Der war so dumm, der hat's nicht mit den Hühnern hingekriegt",
sagte der alte Mann.
"Geh' schon, du Schnarchhahn", sagte seine Frau.
"Ich hab' ihn schlachten müssen", murmelte der alte Mann.
Wir standen nur noch zu dritt da vorne. Die anderen Fahrgäste nutzten
die frei gewordenen Sitzplätze. Wir hörten ein entspanntes Pfeifkonzert
aus der Fahrerkabine. Silvia ging zum Fahrer.
"He", rief ich ihr zu, "lass den Mann seine Arbeit machen."
"Schon gut", tönte es aus der Kabine.
"Sie ham's nicht leicht, hm?"
Der Fahrer nickte wohlwollend und schaute sie an.
"Silvia, lass den Mann arbeiten."
"Wie alt ist ihre Tochter eigentlich?", wollte die junge Frau
von mir wissen.
"Acht!"
"Hübsches Ding."
"Kommt ganz nach dem Vater."
"Ich dachte, SIE sind der Vater?"
Silvia hatte zugehört und machte einen Schmollmund, aber gleich darauf
beobachtete sie fasziniert die Handgriffe des Fahrers.
"Brackel Kirche!"
"Warum ham Sie vorhin Schnarchhahn gesagt?", fragte Silvia den
Fahrer.
"Das war ein Mann mit Hut, im Mercedes, der wollte plötzlich
ohne Blinker links abbiegen."
"Passiert das öfter?"
"Jede Runde mindestens einmal!"
"Und das sind alles Schnarchhähne?"
"Na ja", grinste der Fahrer, "solche und ähnliche."
"Brackel Schleife!"
Wir fuhren der tief hängenden Sonne entgegen. Der Fahrer legte den
rechten Arm auf die Geldablage und beschleunigte. Es schaukelte. Ich stand
immer noch ziemlich nahe bei der jungen Frau, obwohl mittlerweile Sitzplätze
um uns herum frei waren. Sie schaute nach draußen und schmunzelte.
Silvia steckte zur Hälfte in der Fahrerkabine und fragte den Fahrer
Löcher in den Bauch.
"Uh", sagte sie und meinte die PKW und LKW, die uns, da wir
auf der linken Seite fuhren, höllisch nahe entgegenkamen. "Wenn
da mal kein Schnarchhahn drinsitzt."
"Dann schalt' ich den Blinker nach rechts und bieg' links ab",
feixte der Fahrer.
"Ha, ha, und ein Ei aus dem Konsum. Das geht doch gar nicht."
Silvia ließ sich nicht aus der Reserve locken, ihr loses Mundwerk
war in der ganzen Schule bekannt.
"Asseln-Aplerbecker-Straße!"
Die junge Frau löste ihre Hand von der Haltestange. Ihr Parfüm
roch gut. Sie schritt lächelnd zur Tür. Der Fahrer beobachtete
sie mit einem erstaunlich entspannten Gesichtsausdruck im Innenspiegel,
Stress, Hitze und Verspätung lagen hinter ihm, dann drehte er sich
zur Seite und seine Augen folgten ihr.
"Tschüs", sagte er zu Silvia und behielt die junge Frau
im Blick.
"Wieso Tschüs? Wir fahren bis Wickede-Post."
"Und deine Mutter?"
"Zu der fahren wir ja. Ach so, Sie meinen die, ne, das ist nicht
meine Mutter, die hat Papa gerade erst angebaggert."
"Lass den Fahrer seine Arbeit machen", rief ich.
"Ich dachte...", sagte der Fahrer und fuhr weiter, er machte
seine Arbeit.
Das eingleisige Stück bis Wickede erforderte seine ganze Konzentration.
Er klingelte ein paar Mal, bremste, beschleunigte und sagte manchmal:
"Uff, Mist, Kerl ne", aber er vermied tunlichst das Wort Schnarchhahn.
Ich winkte Silvia zu mir.
"Warum bist du eigentlich kein Straßenbahnfahrer?", fragte
sie, "du sitzt nur in deinem Arbeitszimmer und schreibst."
"Genau. Mit 'nem Stift in der Hand mach' ich mir meine Schnarchhähne
selber."
"Wickede Post. Endstelle!"
Wir stellten uns vorne zur Tür. Der Fahrer musterte mich eigenartig.
Beim Aussteigen nickte ich ihm zu.
Silvia sagte: "Guck mal, jetzt ist die Bahn voll leer."
An der Trinkhalle kaufte ich ihr ein Eis, wollte sie auf andere Gedanken
bringen, ich nahm sie bei der Hand, doch als wir zu Hause waren stürmte
sie gleich zu ihrer Mutter und plapperte los: "Du Mutti, Papa hat
sich mit 'ner jungen Tussie unterhalten, der Fahrer hielt sie sogar für
dich, in der Bahn war was los, total krass, dann meinte der Fahrer, Männer
mit Hut und Mercedes und ohne Blinker sind Schnarchhähne, aber der
alte Mann, seine Frau war auch dabei, ich glaub', die mag ihn nicht mehr,
der alte Mann sagte, sie hatten mal einen Bauernhof, na ja, zwei Schweine
und eine Kuh und ein paar Hühner, und wenn der Hahn nichts mehr mit
den Hühnern zu tun haben will, ist er ein Schnarchhahn, sag' mal,
heißt es, dass der Hahn zu alt ist?"
Sie holte tief Luft und überlegte, ob sie alles gesagt hatte. Wir
standen uns zu dritt gegenüber, alles deutete auf ein herannahendes
Missverständnis. Durchs geöffnete Wohnzimmerfenster
hörten wir das Klingeln einer Straßenbahn, ich wischte mir
eine Spur Schweiß von der Stirn. Die Augen meiner Frau funkelten.
Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und stemmte sie in die Hüften
und ihre Knöchel färbten sich weiß. Ich fühlte mich
in Erklärungsnot, doch bevor meine Frau oder ich antworten konnten,
fragte Silvia noch: "Du Mutti, ist Papa so etwas ähnliches wie
ein Schnarchhahn?"
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