SHORTART-Kurzgeschichtenwettbewerb
Der Unterländer Kulturverein Mehrklang präsentiert am 24. März 2007 ab 19.30 Uhr im Gemeindesaal Kramsach die Sieger ihres SHORTART-Kurzgeschichtenwettbewerbes.
Dieser Wettbewerb erstreckte sich zeitlich von Juni 2006 bis 30. November 2006. Es nahmen 30 Schriftsteller aus ganz Österreich im Alter von 14 bis 84 Jahren am Wettbewerb teil.
Ab Dezember 2006 war die 5-köpfige Jury (bestehend aus Lehrern, Deutsch-Professoren und Bibliothekaren) damit beschäftigt, die Einsendungen zu bewerten.
Nähere Infos via http://www.mehrklang.at unter dem Symbol "Kurzgeschichtenwettbewerb".
Der Sieger-Text von Stephanie Doms ist hier auf www.cobi.at exklusiv zu lesen:
Melpomene
Wie in hellblauen Kaffee gegossene, lauwarme Milch hängen die weißen
Wolken am Sommerhimmel. Die Vögel zwitschern lustlos, nur die Grillen
zirpen ohrenbetäubend und irgendwo mäht jemand den Rasen. Und
das bei dieser Julihitze. Ich sitze auf der Fensterbank, den Kopf an die
Mauer gelehnt. Ich habe nichts zu tun. Ich habe ja eigentlich nie etwas
zu tun, doch heute ist einer dieser Tage, an denen man vergeblich nach
irgendeiner Beschäftigung sucht, die einen auch nur im Entferntesten
zu fesseln vermag. Antriebslosigkeit. Gedankenverlorenheit. Unendlich
träges Verstreichen der sonst so zielstrebigen Zeit.
Ich stecke mir eine Zigarette zwischen die Lippen, zünde sie an.
Mechanisch. Es ist längst Gewohnheit. Man gewöhnt sich an so
vieles. An das Nichtstun. An die Nutzlosigkeit. An die Einsamkeit. Die
Leere.
"Und irgendwann findet man sich am Fensterbrett sitzend wieder, man
lässt Zigarettenrauch lustlos zwischen halbgeöffneten Lippen
ausströmen von morgens bis abends und längst hat man jede Hoffnung
verloren, je wieder so etwas wie Sinn erkennen zu können in all dem",
denke ich und rauche.
Gut vierzig Meter unter mir schleppt sich der um diese Jahreszeit schmutzig
grüne Fluss dahin. Der Hang fällt steil zum Ufer hin ab. Wenn
ich so sitze, trennt mich nur der schmale Weg, der zur Haustüre und
ums Haus herum in den Garten führt, vom struppig mit Dornengeäst
überwucherten Abgrund. Zwischen den quadratischen, grauen Pflastersteinen
steht büschelweise Gras, das bei dieser Hitze langsam verdorrt. Anfangs,
ich hatte das Haus gerade erst gekauft, erschien mir der Anblick, das
energische Wuchern wie eine bewusste Herausforderung. Es kam mir vor,
als wollte das Unkraut mich provozieren. Es war mir gleichgültig.
Und schon bald wichen die Disteln friedlichem Gras.
Auch im Garten gedieh alles üppig. Die Efeuranken an der Hausmauer
ließen sich irgendwann einfach nicht mehr bändigen. Anfangs
stutzte ich das Gewächs zweimal jährlich, denn es drohte mir
gänzlich die Sicht aus meinem Arbeitszimmer in den Garten zu versperren.
Doch mit der Hoffnung, jemals wieder eine herausragende Arbeit zu vollbringen,
gab ich auch den Versuch auf, die Natur in ihre Schranken zu weisen.
Außer hohem Gras gibt es nur rote Rosen im Garten. Rosen. Nichts
als Rosen. In allen Variationen und mit den unterschiedlichsten Gerüchen.
Nicht, dass ich irgendwann einmal, mich hingebend an einen plötzlich
Anfall von Gefühlsduselei, an einer von ihnen gerochen hätte.
Doch besonders wenn die Sonne um die Mittagszeit auf die fetten, blutroten
Köpfe im dunkelgrünen Blätterwerk knallt, hängt der
ganze Garten voll von ihrem schweren, süßen Duft. Ein letztes
Aufbäumen bevor die unvermeidbare Verwesung einsetzt, die Farbe stumpf
wird und der Geruch dünn und fad.
Ich schnippe die Asche aus dem Fenster, sie fällt beinahe senkrecht
zu Boden. Es ist windstill und schwül. Ich nehme einen tiefen Zug.
Kein Genuss, keine Genugtuung, kein berauschendes Gefühl mehr wie
damals, als ich nachts heimlich aus dem Dachbodenfenster meines Elternhauses
kletterte, um dort oben unterm endlos hohen, sternenvollen Schwarz meine
erste Zigarette zu rauchen. Damals war das Leben noch groß gewesen
an kleinen Dingen, für die es sich lohnte, um Worte zu kämpfen.
Heute habe ich Worte, aber nichts mehr, worüber ich mich wundern
kann. Ja, damals -
Ich schließe die Augen, sie schmerzen vom aggressiven Licht dieses
Sommertages. Das Rasenmähergeräusch erstirbt, der Grasschnitt
wird auf den Kompost geworfen und der Motor von neuem gestartet. Momente
absoluter Stille sind selten. Nicht mal nachts wird es wirklich ruhig,
denn dann beginnt der Garten in seiner fremden Sprache von Dingen zu sprechen,
die ich nicht verstehe und die mir unheimlich sind. Dinge, die tiefer
gehen, die ursprünglicher sind, als dass ein Mensch so ernüchtert
wie ich sie verstehen könnte, dass ein Mensch sie begreifen könnte,
dessen Leben angesichts der Zeit nicht mal die Größe einer
lästigen Obstfliege hat, von denen es so viele gibt, dass man sie
ohne jede Reue und Ekel zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt.
Als ich noch nachts heimlich rauchte, während rot und grün blinkende
Flugzeugsterne lautlos über mich hinweg glitten und ich eine Sehnsucht
verspürte, die mich bis über meine Grenzen erfüllte - damals
war diese unfassbare, brutale Gewalt des Existierens noch nicht beängstigend
gewesen. Vielmehr wollte ich mich ihr ganz hingeben, verschwenderisch
leidenschaftlich und mit ganzer Überzeugung.
Ich nehme noch einen tiefen Zug. Ohne das zeitweilige Kratzen im Hals
und den dumpfen Schwindel im Kopf von damals. Damals -
Ich streiche mir mit der Linken über die schmerzenden Lider, massiere
mit zwei Fingern die Nasenwurzel, über der sich häufig ein starker
Schmerz ausgebreitet hat, als mich die innere Leere, die Wort- und Gedankenlosigkeit
noch frustrierte. Jetzt überfällt er mich nur mehr, wenn ich
abends zu viel Whisky gegen die Schlaflosigkeit trinke. Einen Augenblick
glaube ich, tief drinnen in mir ein Schluchzen zu spüren, einen heißen
Strom von Tränen. Doch es ist nur die Erinnerung an so etwas wie
Gefühl, denn mit meinem Leben scheine ich längst alle Tränen
verschwendet zu haben. Ich atme tief durch, ohne jedoch das plötzliche
Bedürfnis loszuwerden, etwas in mir losbrechen, ausbrechen lassen
zu müssen, um Schlimmeres zu vermeiden.
Ein Stück flussabwärts verbindet eine breite Betonbrücke
die beiden bewaldeten Flussufer. Auf der mir gegenüberliegenden Seite
erstrecken sich hinter den Bäumen weitläufige Felder, ab und
zu ragt ein Kirchturm aus einem der kleinen, verstreuten Häufchen
Häuser. Auf meiner Seite steigt das Gelände steil an. Zwei Autos,
ein dunkelblaues und ein weißer Lieferwagen, überqueren knapp
hintereinander den Fluss in meine Richtung und verschwinden zwischen den
Bäumen weit unter mir aus meinem Blickfeld, eine Frau in einem roten
Trägerkleid, das sich um ihre Knie sanft wellt, steht auf dem Gehweg
und blickt an der Brüstung stehend flussabwärts, einige Radfahrer
in gelben Trikots und mit gelben Fahrradhelmen haben angehalten, um einen
Schluck aus ihren Wasserflaschen zu nehmen. Wie auf eine Schnur aufgefädelte,
zitronengelbe Perlen stehen sie dicht hintereinander.
Ich seufze abermals und schnippe den heruntergebrannten Zigarettenstummel
ungefähr in die Richtung, in der zuvor das blaue Auto und der weiße
Lieferwagen zwischen den Bäumen verschwunden sind. Ich stelle mir
vor, wie der Zigarettenstummel im dürren Dornengestrüpp ein
Feuer entfacht, stelle mir vor, wie die Flammen langsam und nach Nahrung
lechzend den Berg herauf kriechen bis unter mein Fenster - Ich hätte
wohl weder die Kraft noch die Lust zu fliehen. Die Zitronengelben fahren
weiter.
Ich schließe das Fenster und mit einem Mal ist es völlig still.
Keine Vögel. Keine Grillen. Kein Rasenmäher. Nichts. Nur die
unerträgliche Gedankenlosigkeit in meinem Kopf.
Ich ziehe mit einem Ruck die Vorhänge vor, als könnte die eilige
Bewegung die lahme Leere in mir zumindest für einen Augenblick vertreiben.
Es wird kaum merklich dunkler, die weißen, transparenten Vorhänge,
die mehr vor dem Fenster zu schweben scheinen als hübsch gerafft
auf den Boden zu fallen, können das Licht nicht aussperren. Ich lege
mich auf das rote Sofa an der gegenüberliegenden Wand des Fensters.
Ich drehe dem Licht den Rücken zu und der Welt auf der anderen Seite
der Glasscheibe, die viel zu dünn und durchsichtig, viel zu zerbrechlich
ist, um mich für immer zu bewahren vor allem, was da draußen
ist. Ich bin nicht müde, dennoch döse ich sofort ein. Man gewöhnt
sich irgendwann daran und kann den Körper dazu bringen, müde
zu sein, wenn es der Kopf auch ist. Und mein Kopf ist es immer.
Ich bin wach, doch die Gedanken liegen weiter reglos. Es ist dämmrig
geworden im Zimmer. Ich versuche zu erraten wie spät es wohl ist.
Aber Zeit ist ohnehin irrelevant. Ich habe genug Zeit, denke ich. Doch
in Wirklichkeit habe ich zu viel Zeit.
Noch immer ist es still im Zimmer. Ich glaube ein leises Surren zu hören
und denke, dass es wahrscheinlich vom Fernseher kommt und der Stereoanlage.
"Oder daran, dass du langsam verrückt wirst.", denke ich
bitter. Früher plagte mich diese Angst manchmal. Nachts, wenn mir
so viel durch den Kopf ging, dass ich nicht schlafen konnte. Früher
-
Ich wälze mich schwerfällig herum. Hinter den weißen Vorhängen
sieht man ein verwaschen blaues Viereck, den Himmel. Doch es kommt mir
mehr vor wie eine Wand, die von hinten dezent beleuchtet wird. Ein vorgetäuschter
Himmel. Ein Bühnenbild. Und ich fühle mich wie in einem schuhkartongroßen
Aufnahmestudio. Unzählige Kameras sind auf mich gerichtet, über
meinem Kopf schweben Mikrofone und alles wartet darauf, dass der einzige
Schauspieler in diesem eigenartigen, traumgleichen Film seine Rolle spielt.
Doch ich habe den Text vergessen.
Ich richte mich auf, lege die Hände flach auf die Knie und biege
mein Kreuz gerade. Meine nackten, madenweißen Zehen betrachtend
denke ich, dass sie etwas Befremdliches haben.
Ich stehe auf, durchquere den Raum und versuche, die Geschwindigkeit zu
schätzen mit der ich mich bewege. Es scheinen Stunden zu vergehen
bis ich unten in der Küche ankomme. Die Jalousien sind halb heruntergelassen
und als ich die Kühlschranktür öffne, kneife ich geblendet
die Augen zu. Unentschlossen blinzle ich in das grelle Licht. Der Kühlschrank
summt. Eigentlich habe ich überhaupt keinen Hunger. Eine verrunzelte
Gurke. Ein paar Tomaten. Ein Stück Parmesan in dicker, rot bedruckter
Plastikumwicklung. Joghurt, dessen Deckel ich mich nicht öffnen traue,
seit ich vor einigen Tagen auf das Ablaufdatum gesehen habe. Milch. Butter.
Erdbeermarmelade. Ich lege zwei Scheiben Vollkornbrot auf einen Teller,
bestreiche sie so dick mit Butter und Marmelade, dass mir schon beim Anblick
übel wird.
Mit dem Teller in der Rechten schlurfe ich in den ersten Stock zurück,
setze mich auf den schwarzen Sessel, der seitlich zum Fenster neben der
Couch steht, und schalte den Fernseher an. Sogleich erscheint ein grellbuntes
Bild, das tonlos flimmert. Ich suche nach einem einigermaßen ansprechenden
Programm - vergeblich -, beiße von dem kleineren der beiden Brote
ab und kaue.
Auf dem Bildschirm diskutieren gerade stumm zwei dicke Frauen in Leopardenfell
gemusterten Minikleidern und hochhackigen Schuhen, die so schreiend rot
sind wie ihre aufgeklebten Fingernägel. Der Talkmaster der Show trägt
eine Perücke, die mich an das abwaschwasserbraune Meerschwein erinnert,
das mein Banknachbar in der zweiten Klasse hatte. Das Lächeln des
schmierigen Talkmasters widert mich noch mehr an, als die Zehen, von denen
ich gerne behaupten würde, sie gehörten nicht zu mir. Im Gegensatz
zu mir, war mein Banknachbar beliebt gewesen. Er war zum Spießer
geboren. Und ich zum Versager. Manches ändert sich nie.
Ich wundere mich darüber, wie jemand so einen wabbeligen, unförmigen
Körper haben kann, und denke wie so oft, dass der Mensch mit Abstand
die hässlichste Existenzform ist. Schon alleine wegen der Zehen.
Lustlos esse ich die beiden Brote, ohne wirklich darauf zu achten, und
stelle dann den Teller vor mich auf die blanke Glasplatte des Couchtisches.
Ich schalte den Fernseher ab. Die wabbeligen Frauen und der Meerschweinmensch
verschwinden mit leisem Knistern. Ich betrachte mein Spiegelbild auf dem
nun schwarzen Bildschirm.
Ratlos, was ich als nächstes tun könnte, runzle ich die Stirn
ein wenig, starre weiter auf den stummen, reglosen Menschen im Fernseher.
Der Mensch ist schlank, es sieht aus, als wäre er gut trainiert,
aber das täuscht. In Wahrheit hat er bloß nie Hunger. Ich finde
den Mensch ziemlich hässlich. Doch wenigstens trägt er kein
Leopardenfellimitat und hohe, rote Hacken, denke ich. Es könnte also
schlimmer sein. Der Mensch trägt ein weißes, zerknittertes,
aber ansonsten sauberes Hemd, eine dunkelblaue Stoffhose und keine Schuhe.
Seine Füße liegen wie abgetrennt unter dem Couchtisch, als
bestünde keinerlei Verbindung mehr zum restlichen Körper, als
hätte nie eine Verbindung bestanden. Doch das ist nur der unerfüllte
Wunsch des Menschen auf dem toten Bildschirm, der seine madenweißen
Zehen nicht leiden kann. Der Mensch sitzt einfach nur da, die fein geschnittenen
Hände mit den langen Fingern ruhen auf der Lehne des schwarzen, abgewetzten
Ledersessels.
Außer meinem Körper sehe ich nichts. Außer meinem Körper
gibt es auch nichts zu sehen.
Vollkommene Leere.
Ich stehe auf und trage den Teller hinunter in die Küche. Ich lasse
das Wasser laufen, bis es eiskalt ist. Ich trinke das Glas in einem Zug
aus und fülle es aufs Neue.
Während ich in den zweiten Stock hinaufgehe, das Wasserglas in der
Hand, knöpfe ich bereits mein Hemd und meine Hose auf. Im Badezimmer
lege ich alles über den Hocker unter dem Frisiertisch. Nachdem ich
mir gedankenverloren ins Waschbecken starrend und ausgiebig die Zähne
geputzt habe, wasche ich mir das Gesicht und die Hände mit Seife.
Danach trockne ich mich ab und schalte das Licht aus.
Im Dunkeln tappe ich ins Schlafzimmer, das Wasserglas stelle ich auf das
Nachtkästchen nahe ans Bett, ich schlage die leichte Seidendecke
zurück und schüttle den Kopfpolster auf. Ich gehe zum Fenster,
öffne es. Die Handflächen auf das äußere Fensterbrett
gestützt lehne ich mich weit hinaus, um flussabwärts den orange
beleuchteten Kirchenturm des Nachbarortes zu sehen und tief die Abendluft
einzuatmen, die noch immer schwül und reglos ist. Ich sehe auch die
Brücke. Und dasselbe rote Kleid mit dem tiefen Rückenausschnitt.
Dieselbe unbewegliche Haltung. Ich werde mir mit einem Mal peinlich berührt
meiner Nacktheit bewusst. Hastig ziehe ich die schweren, roten Vorhänge
vor das geöffnete Fenster. Nur einen spaltbreit noch kriecht das
bläuliche Dämmerlicht ins Schlafzimmer.
Eine Weile starre ich noch unter der Bettdecke liegend an den Plafond,
starre in die Dunkelheit, durch den Vorhangspalt hinaus aus dem Fenster
zu meinen Füßen. Ich habe mit einem Mal das Gefühl, das
Bett finge an sich zu drehen, langsam zuerst, dann immer schneller. Das
Zimmer wiegt zuerst nur leicht mit, dann schließt es sich dem seltsamen,
taktlosen Tanz an. Gerade als ich denke, ohnmächtig zu werden, schlafe
ich ein.
Ich habe die Arme unter dem Kopf verschränkt. Seit ich aufgewacht
bin, habe ich mich nicht bewegt, noch immer liege ich auf dem Rücken,
die Bettdecke, unter der es unangenehm feuchtwarm ist, bis über die
Brust gezogen. Das Kopfkissen ist flach zusammengedrückt, mein Nacken
steif. Trotz des geöffneten Fensters ist die Luft abgestanden und
schwül. Ein ausdrucksloses Licht hängt unentschlossen im Raum.
Seufzend schlage ich die Bettdecke zurück, stehe auf und ziehe die
Vorhänge zurück. Der Himmel ist bewölkt und draußen
ist es so feucht-heiß wie in meinem Zimmer.
Ich schüttle Polster und Decke auf und schlurfe hinunter in die Küche.
Mein Magen verkrampft sich, als verlange er nach Essbarem. Dabei ist mir
überhaupt nicht nach Essen zumute.
Das Stück Brot, das noch in der Frischhaltebox liegt, ist trocken
und steinhart und ich bin mir nicht sicher, ob der grünbräunliche
Fleck auf der Schnittfläche nicht vielleicht Schimmel ist. Ich schließe
die Brotbox mit angeekelt gerunzelter Stirn.
Auch der Kühlschrank gibt nicht wirklich viel her und ich muss mir
eingestehen, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als einkaufen
zu gehen. Einen Moment überlege ich, ob ich mich wieder ins Bett
legen und weiterschlafen, den verkrampften Magen ignorieren soll. Doch
eins wie das andere erscheint mir wenig reizvoll.
Im Badezimmer wasche ich mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser und putze
mir die Zähne. Mit der flachen Hand fahre ich mir über das raue
Kinn und die Wangen - kratzig -, habe aber keine Lust mich zu rasieren.
Ich ziehe das Hemd und die Hose an, die über dem mit rotem Leder
bezogenen Hocker unter dem Frisiertisch liegen. Im Schlafzimmer mache
ich das Bett und schließe das Fenster, die Geldtasche liegt auf
dem Nachttisch neben einer leeren Flasche Whisky. Ich kann mich nicht
daran erinnern, wann ich sie ausgetrunken habe.
Vor der Haustüre liegt eine Zeitung mit einigen nüchtern-weißen
Briefkuverts obenauf. Der Postbote ignoriert grundsätzlich die Tatsache,
dass einen halben Meter rechts von der Tür ein Briefkasten hängt
und ich habe längst aufgehört, mich über die Dummheit der
Menschen zu ärgern. Da ich die Tür bereits hinter mir abgeschlossen
habe, lasse ich die Post einfach liegen, sie wird auch später noch
da liegen und ob ich sie jetzt zum Altpapier werfe oder erst in einer
halben Stunde, macht nicht sonderlich viel Unterschied.
Ich zünde mir eine Zigarette an und blicke hinunter auf den Fluss,
die Brücke ist stärker befahren als gestern. Ich gehe ums Haus
herum, den Schotterweg am Gartenzaun entlang bis zur Hauptstraße.
Es ist nicht viel los. Wenn Autos vorbeifahren, blicke ich zur Seite und
lasse den Zigarettenrauch möglichst gleichgültig ausströmen.
Ich fühle das Starren der Fahrer, bilde es mir zumindest ein. Ich
gehe schneller. Bald ist meine Haut überzogen von einer dünnen
Schweißschicht und als ich die Eingangstür des kleinen Supermarktes
aufstoße und mich klimatisierte Luft umgibt, fröstle ich beinahe
wohlig.
Die Besitzerin, eine untersetzte ältere Frau mit bernsteinfarben
getönter Dauerwelle und Brille sitzt an der Kassa und grüßt
säuerlich lächelnd über ein halbhohes Regal mit Fertigsuppen
zu mir herüber. Die junge Frau, die gerade dabei ist, Gurken und
Kartoffeln auf das Förderband zu packen und gleichzeitig ihren kleinen
Sohn davon abzuhalten, alle Süßigkeiten aus dem Ständer
neben ihm zu räumen, hebt den Kopf, nickt aber nur knapp und widmet
sich wieder ihren Diätcolaflaschen. Sonst sind keine Kunden im Laden.
Grußlos, mit gesenktem Kopf, flüchte ich mich hinter Fruchtsäfte
und Dosentomaten, komme dann aber drauf, dass ich für meinen Großeinkauf
einen Einkaufswagen benötigen werde, und muss noch mal zurück.
Die bernsteinfarbene Dauerwelle zieht gemächlich die Einkäufe
übers Lesegerät, die junge Frau hebt abermals den Kopf, sieht
mich diesmal länger an. Ausdruckslos. Ich bekomme den Einkaufswagen
nicht los, er hat sich mit dem anderen verkeilt. Ich rüttle. Mir
wird heiß. Ich habe das Einkaufen satt und bereue, mich nicht wieder
ins Bett gelegt zu haben. Die Frau sieht mich noch immer an. Mittlerweile
verständnislos. Ich zerre, rüttle und schwitze. Der Kleine im
Einkaufswagen beginnt zu jammern. Doch die junge Frau stiert weiterhin
zu mir herüber. So lange, bis ihr der Zwerg seine Zwergenfaust, mit
der er einen Schokoriegel entschlossen umklammert, von der Seite in den
Bauch rammt. Wenn du wüsstest, kleiner Schreihals, denke ich und
frage mich, wann ich aufgehört habe, ernsthaft eine Revolution in
Betracht zu ziehen. Die Frau dreht sich mit erhobenem Zeigefinger zu ihm
hin. Steile Stirnfalten, wegen denen man früher oder später
seine Vorsätze verwirft, wenn man ohnehin zum Versager geboren ist.
Der Einkaufswagen löst sich. Erleichterung. Hinter dem schützend
hohen Regal mit Fruchtsäften und Dosentomaten atme ich tief durch,
doch das Gefühl der Aufgewühltheit in meinem vor Hunger bodenlosen
Bauch will nicht weichen. Eines der Vorderräder des Einkaufswagens
klemmt, ich lenke und fahre angestrengt. Obst. Gemüse. Milchprodukte.
Wurst- und Käseabteilung. Die Bedienung fühlt sich in der Unterhaltung
mit dem Brotfräulein gestört und bemüht sich vergeblich
zu einem höflichen "Ja, bitte?" Die Metallringe in ihren
Ohren und der rechten Augenbraue irritieren mich. Sie erinnern mich an
die kleinen Metallklammern an den Frankfurter Würsteln, die ich bei
meiner Großmutter öfters bekommen habe, wenn ich sie samstags
besuchte. Die Verkäuferin ist ziemlich dick und ziemlich rosa, mir
geht das Frankfurter Würstel-Bild nicht mehr aus dem Kopf. Das Angebot
an Aufschnitten und Fleisch verunsichert mich. Die Bedienung wird ungeduldig,
pappt die unappetitlichen Finger - meine madenweißen Zehen erscheinen
mir mit einem mal viel ansehnlicher - platt auf die Theke neben das große
Fleischermesse. Sie beginnt zu zappeln, das blonde Brotfräulein räuspert
sich und verschränkt die Arme vor den reizlos flachen Brüsten.
Ich entscheide mich für etwas Beinschinken, eine halbe Salamistange
und den abgepackten Käse mit der roten Wachshaut. Und sonst? Ich
schüttle den Kopf. Sie schiebt mir die zig Mal in Papier und Plastik
verpackte Wurst über den Tresen, den Käse hinterher, und nickt,
was wohl eine Verabschiedung sein soll. Ich nicke zurück, was mehr
Erleichterung als eine Verabschiedung ausdrücken soll. Ich werfe
Wurst und Käse in den Einkaufswagen und schiebe hastig weiter. Vorbei
am Brotfräulein, dessen hochgezogenen Augenbrauen ich möglichst
nicht mit Blicken zu begegnen versuche. Sie ist wirklich ziemlich blond.
Und ziemlich dünn. Wie ein halbfertig gebackenes Baguette. Als ich
schon fast bei der Tiefkühlabteilung bin, stecken die beiden wieder
die Köpfe zusammen. Ich versichere mir nicht sehr glaubhaft, dass
sie nicht über mich sprechen.
Ich packe noch ein paar Tiefkühlpizzen, Spinat, Eiernudeln, Dampfnudeln
und gemischtes Gemüse zu den übrigen Einkäufen und trete
mit einem kurzen Umweg über die Spirituosenabteilung den Weg zur
Kassa an. Die bersteinfarbene Dauerwelle lächelt süßsauer.
Mein Magen knurrt sehr laut und sie lächelt noch säuerlicher.
Magensäuresauer. Mir ist schwindlig, der Hunger steigt mir zu Kopf.
Gelassen sieht sie dabei zu, wie ich hastig meine Einkäufe aufs Förderband
lege. Kalter Schweiß steht mir in kleinen Tröpfchen auf der
Oberlippe, aber ich traue mich nicht ihn wegzuwischen mit meinen zitternden
Händen.
"Schwül heute, nicht wahr?", sagt sie mit einem boshaften
dünnen Lächeln, wobei sie meine Oberlippe fixiert und die Äuglein
zusammen kneift hinter ihrer dicken Brille. Ich beschränke mich auf
ein halbherziges Nicken. Und ihre fahlen Lippen werden noch dünner
und ihr Lächeln noch boshafter.
Ich reiche ihr einige große Schein, setze mich bewusst nicht der
Peinlichkeit aus, beim Kleingeld herauszählen mit zittrigen Händen
alles zu verstreuen. Die riesige Papiertüte halb vorm Gesicht manövriere
ich den Einkaufswagen mit dem klemmenden Vorderreifen in die Metallvorrichtung,
stemme mich mit dem Rücken gegen die Ausgangstür und verlasse
voll bepackt und so fluchtartig wie irgend möglich den Laden.
Sie hat die Hand schon an der Eingangstür, als mir im Vorbeihasten
das gemischte Gemüse aus der randvollen Tüte direkt vor ihre
Füße fällt. Herzstillstand. Sie trägt rote Sandalen
mit hohen Absätzen und Riemchen um die schlanken Fesseln, sie hat
bezaubernde Knöchel und einen verwirrenden Moment lang bin ich gefesselt
von dieser kleinen, nackten, knöchrigen Rundung. Ihre Knöchel
und die volle Tüte - ich gerate aus dem Gleichgewicht. Sie bückt
sich nach dem Gemüse zu ihren Füßen. Das knielange, rote
Kleid hat vorne und hinten einen tiefen Ausschnitt und ich weiß
nicht, was ich schöner finden soll - den zarten Rücken oder
ihre vollen Brüste. Herzrasen. Ihre Haut ist blass und muttermallos.
Ihr Haar schneewittchenschwarz. Mit einem Lächeln reicht sie mir
das Gemüse. Ich schwanke keuchend auf schmelzenden Beinen. Die eiskalte
Packung, die sie mir reicht, ist von einer weißen Tröpfchenschicht
überzogen. Sie lächelt immer noch, als ich ihr endlich das Gemüse
aus der Hand nehme. Ihre Handgelenke sind schmal, so zerbrechlich, dass
ich mich nicht traue, ihre feinen Finger wie zufällig zu berühren.
Ich will mich bedanken. Bekomme keinen Ton heraus. Sie lächelt. Ich
räuspere mich, bedanke mich nochmals. Diesmal mit Ton. Ich schwitze,
fühle mich klebrig und zäh.
"Schwül heute, nicht wahr?" Sie hat große, grüne
Augen, einen kleinen Mund, der so blutrot ist wie die von fettgrünen
Blättern umgebenen Rosen in meinem Garten. Ihr stiller Blick brodelt
lebhaft, die Lippen voll, der Hals so zierlich und wie die kleinen Ohren
schmucklos.
Ich nicke schwach, mit surrendem Kopf und größer werdenden
schwarzen Flächen vor Augen halte ich das Gemüse noch immer
in der Hand, die immer kälter wird, während ich mich wie in
einem Fiebertraum fühle. Bitte, Gott, lass mich nicht träumen!,
flehe ich und kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt an Übersinnliches
geglaubt habe. Ich bereue, kein frisches Hemd angezogen zu haben. Rasiert
habe ich mich auch nicht mehr -
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass mir die Knie versagen und
ich, die Einkäufe auf dem Gehsteig verstreuend, langsam vorn über
kippe, oder daran, dass ich nicht anders kann, dass ich ihren blutroten
Lippen plötzlich so nah bin -
Schlagartig bin ich wach, so schlagartig, dass ich beinahe von der Couch
falle. Ich eile ans Fenster, reiße es auf. Das Sonnenlicht schmerzt
in den Augen, das Rasenmähergeräusch, das Grillenzirpen in den
Ohren und die plötzliche Traumlosigkeit macht mein Herz rasend. Taumelnd
klammere ich mich ans Fensterbrett, suche die Brücke mit hastigen
Blicken ab. Doch nichts.
Ich weiß nicht, wie mir wird. Falle die Treppe hinunter, über
meine eigenen Beine, die nicht mithalten können mit meinen sich überschlagenden
Gedanken, stolpere aus der Tür, über die Zeitung und ein paar
Kuverts auf der Matte den Abhang hinunter. Schwindel erregend steil. Erregend
auch ihr Rücken, diese Brüste. Dornen überall. Blut. Blutrote
Lippen. Das Sonnenlicht viel zu grell. Weiße Flächen vor Augen.
Weiße Knöchel, atemberaubend. Stolpernd fallen, immer wieder.
Vor ihre Füße. Dieser Schmerz. Diese plötzliche Flut an
Bildern. An Worten. Woher diese Worte? Und doch - unerträglich schmerzhaft
- keine Worte für dieses Bild. Diesen Traum. Ihre Lippen so nah -
denke ich und sehe noch durch die schmutzig grünen Fluten über
mir, dass die weißen Wolken wie lauwarme, in hellblauen Kaffee gegossene
Milch am Sommerhimmel hängen. Nie mehr Leere.
Die Autorin Stephanie Doms:
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Geboren: |
14. Juni 1988 |
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Aufgewachsen: |
Obernberg am Inn (OÖ) |
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Derzeit wohnhaft: |
Wien |
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Schulausbildung: |
4 Jahre Gymnasium Ried im Innkreis |
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Derzeitige Ausbildung: |
Germanistik-Studium an der Uni Wien seit Oktober 2006 |
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Berufliche Erfahrungen: |
seit April 2005 freie Mitarbeiterin der Lokalzeitung Rieder Rundschau, im August 2006 Praktikum |
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Literarische Erfahrungen: |
Ungefähr seit dem 13. Lebensjahr bewusst aktive Auseinandersetzung
mit Literatur (anfänglich Lyrik, mittlerweile allerdings übergegangen
zu Kurzgeschichten) |
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Interessen: |
Kultur in jeder Form (von Literatur über Musik, Film und bildende
Kunst bis hin zu Reisen und Kochen) |
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Zukunftsperspektiven: |
Journalismus oder Tätigkeit im Verlagswesen (vielleicht als Lektorin) |