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Kritik Thomas Hanifle: "Im Zweifel auf Seiten der Schwachen". Claus Gatterer. Eine Biographie.(Keine Bewertung) Innsbruck: Studienverlag, 2005, 301 Seiten. € 29.90 Viel wurde über ihn gesagt und geschrieben.
Er sei der Vater einer neuen Südtiroler Geschichtsschreibung,
der "so manche Leiche in unserem Keller exhumiert hat."
Ein kritischer Geist "mit dem Maul auf der Erd" der in Konflikt
stand mit der gängigen "einäugigen" Meinung, die
er als engagierter Journalist hinterfragte, widerlegte, nicht selten
entlarvte aber vor allem um den Standpunkt der Ausgegrenzten ergänzte.
"Das Fernsehen verlöre seinen Sinn wenn es von Ängstlichen
für Ängstliche gemacht würde"; lautete einer seiner
Grundsätze, den sich später nicht wenige seiner Berufskollegen
auf ihre Fahnen geschrieben haben, um damit in eine Nische der gegenwärtigen
Medienlandschaft abgedrängt zu werden. Dies ist auch ein Beleg
dafür, dass Claus Gatterer -dem gebürtigen Bergbauernbub
aus Sexten -öffentliche Anerkennung für sein journalistisches
Engagement von vielen Seiten verwehrt oder erst spät großteils
nach seinem Tod -gezollt worden ist. In seiner Heimat vor allem deshalb,
weil er in gewohnt kritischem Stil schonungslos über eine "schöne
Welt, böse Leut" und seine Kindheit in Südtirol berichtet
hat. Thomas Hanifle legt gut 20 Jahre nach Gatterers Tod erstmals
eine umfangreiche Biographie über das Leben, das Wirken und die
Karriere des wohl bekanntesten, erfolgreichsten und gleichzeitig meistkritisierten
Journalisten aus Südtirol vor. Gestützt auf erstmalige Einblicke
in den umfangreichen Privatnachlass Gatterers zeichnet Hanifle die
wichtigsten Stationen in dessen Leben nach, wobei besonders die berufliche
Karriere des Journalisten im Vordergrund steht, die für den angehenden
Publizisten Hanifle auch von persönlicher Bedeutung ist. Wissenschaftlich
genau und sehr detailliert recherchiert er den durchaus eigenwilligen
Werdegang seines Landsmannes, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit
naturgemäß nicht die besten journalistischen Rahmenbedingungen
vorfindet, als kritischer Beobachter mit schreiberischem Talent jedoch
noch vor Beendigung seines Studiums den Sprung in die österreichische
Medienlandschaft wagt. Mit reichlich Hintergrundwissen über Gatterers
berufliche Stationen und Weggefährten angereichert, entsteht
nicht nur die Rekonstruktion einer Zeitungskarriere die im Auslandsressort
der Tageszeitung "Die Presse", später im ORF endet.
Hanifle beleuchtet auch die menschliche Entwicklung Gatterers, dessen
unstillbaren Erfahrungsdrang, der ihn im Zuge seiner historischen
und filmtechnischen Recherchen weit über den Horizont seiner
Heimatprovinz hinausblicken lässt. Diese Erfahrungen ermöglichen
dem Journalisten einen differenzierteren Blick auf die Geschehnisse
in Südtirol, zu deren politischen Entwicklung er sich auch als
Historiker zu Wort meldet; 1968 unter dem Titel "Im Kampf gegen
Rom" gar ein wissenschaftliches Standardwerk zur Minderheitenproblematik
in Italien verfasst. Aus der Fülle an biographischen Informationen
treten in Hanifles Arbeit schlussendlich auch die menschlichen Grundwerte
Gatterers zu Tage, seine Parteilichkeit für die Anliegen der
Schwachen und sein perfektionistischer wie selbstloser Arbeitsstil,
der ihm persönlich nicht selten Probleme, unter Berufskollegen
langfristig jedoch Anerkennung und in der Öffentlichkeit eine
kleine, wenn auch eingefleischte Fangemeinde eingebracht hat. Auch
deshalb ist die erste Biographie über den Journalisten und Historiker
weit davon entfernt, sein Lebenswerk in irgendeiner Form zu rechtfertigen.
In Zeiten zunehmender Konformität ist sie vielmehr ein gelungener
Versuch Gatterers journalistischen Stil wie seine persönlichen
Überzeugungen einem breiteren Publikum näher zu bringen.
Damit hat sie sich nicht nur aufgrund der Themenwahl einen Anerkennungspreis
im Rahmen des Claus-Gatterer-Preises 2006 redlich verdient. - Joachim Gatterer
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