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Kritik
Female Lyrics
(Keine Bewertung)
Meistens entsteht Literatur, weil eine Autorin oder ein Autor eine
Lücke zwischen Realität und Vorstellungskraft sieht, und
diese dann mit Text auskittet. Und dann gibt es noch die bestellte
Literatur, wenn jemand aus Feierlichkeit, wegen eines Jubiläums
oder einfach wegen einer statistischen Unausgewogenheit eine Literatur
bestellt.
Die Tiroler Literaturzeitschrift Cognac & Biskotten hat eines
Tages mit Entsetzen festgestellt, dass es zu wenig weibliche Literatur
gibt, und daher den Wettbewerb "female lyrics" ausgerufen.
Völlig spontan sind daraufhin drei Autorinnen in drei Tiroler
Dörfer gefahren und haben sich dort den weiblichen Teil der Welt
angesehen und aufgeschrieben.
Barbara Aschenwald schickt ihre recherchierende Heldin zuerst einmal
auf den Friedhof von Galtür, dort liegen die Frauen meist still
und unauffällig an der Seite ihrer ebenfalls bereits recht still
gewordenen Männer. Ausflüge in die Botanik, wo es der berühmte
gelbe Enzian ziemlich unfeministisch auf den Hängen treibt, Einführung
in die rustikale Geburtskultur, das äußere Erscheinungsbild
innerer Zustände geben einen recht guten Eindruck in das Seelenleben
dieses Dorfes. Und dann taucht die Fangga auf, eine Frau halb Sage
halb Hebamme. "Sie richtet ihre Schürze aus Baumrinde, siedet
Pech in ihren schwarzen Pfannen und heilt die Menschen. Sie versteckt
sich in den Wäldern, weil die Menschen nicht mehr geheilt werden
wollen von einer Heidin." (16) Das Weibliche in dieser Erzählung
liegt also in der Vergangenheit und tief versteckt in den Wäldern.
Petra Maria Kraxner nimmt Hopfgarten im Brixental und wärmt
sich mit ein paar Haikus auf. Warum diese japanische siebzehnsilbige
Gedichtform das Weibliche Hopfgartens darlegen soll, ist nicht ganz
leicht zu verstehen. Aber dann gibt es ein Türsteher-Dramolett,
vor dem Pub, das je nach Leseweise ergreifend, grotesk oder als Bildungsstück
für Gerechtigkeit gedeutet werden kann. Vor dem Pub steht wie
bei Kafka der Türsteher und lässt niemanden hinein, schon
gar nicht Frauen. Diese übertölpeln ihn aber mit ihren Kräften,
so dass es ihn auf die Schnauze haut. So oder ähnlich geht es
wohl Nacht für Nacht vor den Pubs des Brixentales zu, die Frauen
müssen einfach eini, und die Männer sind präpotent.
Esther Strauß hat in Lienz zwei Texte geschrieben. Hanne geht
um und verkündet klare Botschaften: Du lebst nur einmal, jeden
Tag stehst du mir auf und öffnest deine Türen. Hanne ist
keine Hexe mehr, vielleicht ein Stück Knetmasse oder Teig, den
man zu Sätzen verformen kann. Hanne lässt mit sich machen,
was man will, aber wer damit knetet, wird selbst zur Hanne. Im zweiten
Text zerspringt in zerrupfte Szenen, in Dialogen und Annäherungen
geht es um das Rauschen, auf der Bank sitzen drei, die Andere, die
Eine und Filomena Unten rauscht es, schon, sagt Filomena am Schluss
der Verbal-Pantomime, und immer wieder: Rauschen.
Barbara Aschenwald / Petra Maria Kraxner / Esther Strauß: Female
Lyrics. Eine literarische Erkundung der Tiroler Gemeinden Galtür,
Hopfgarten und Lienz aus weiblichen Perspektiven über weibliche
Perspektiven.
Innsbruck: pyjamaguerilleros 2006. (Cognac & Biskotten). 66 Seiten.
EUR 13,50. ISBN-10: 3-9501923-5-2.
Barbara Aschenwald, geb. 1982, lebt in Schwaz. / Petra Maria Kraxner,
geb. 1982 in Zams, studiert in Leipzig. / Esther Strauß, geb.
1986, lebt in Tarrenz und Linz.
- Helmuth Schönauer 02/02/07
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