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Kritik

Albrich, Thomas: Goldjäger aus Tirol. "Von Kitzbühl nach Kalifornien über Kufstein": Das Tagebuch des Joseph Steinberger 1851/52, Studienverlag, Innsbruck 2008, 293 Seiten.


(Keine Bewertung)

Biographisch ausgerichtete Publikationen haben sehr oft zwei markante Schwachstellen. In den meisten Fällen schildern sie das Leben einer ausgewählten Persönlichkeit von deren Wiege bis zur Bahre, ohne sich auf die wirklich erzählenswerten Lebensabschnitte der Biographie zu beschränken und zum Zweiten wird sehr häufig sämtliches Zeitgeschehen auf die porträtierte Person projiziert, wodurch der Biographie fälschlicherweise eine höhere Geschichtsrelevanz anhaftet als ihr in Wahrheit eigentlich zusteht. Schuld an diesen Umständen ist in beiden Fällen weniger der geschilderte Lebenslauf als vielmehr der Autor der Texte selbst, weil er für Erzählstil, Strukturierung und Gewichtung der Inhalte verantwortlich zeichnet.

Die vorliegende Arbeit von Thomas Albrich ist jedoch weit davon entfernt zu einer der genannten Kategorien gezählt zu werden, weil sie alles besitzt was eine lesenswerte wissenschaftliche Publikation mitbringen sollte. Kernstück der Arbeit ist ein transkribiertes Reisetagebuch des gescheiterten Tiroler Lehrers und Lohnschreibers Joseph Steinberger, der 1851 gemeinsam mit drei Landsleuten aufbricht, um im fernen Kalifornien sein Glück als Goldgräber zu versuchen. Diese Reisenotizen sind ein einzigartiges Dokument, weil sie zahlreiche Einblicke in die sozialen Umstände sowie das Reiseverhalten der damaligen Zeit bieten und gleichzeitig von einem fähigen Erzähler niedergeschrieben worden sind, der seine außergewöhnlichen Reiseerlebnisse, die Umsegelung des Kap Hoorn sowie die Ankunft in Amerika samt Strapazen und letztendlichen Enttäuschungen durchaus zu schildern im Stande ist.

Albrich hat dieses Dokument im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum aus seinem gut 100jährigen Schlaf gerissen und sich dadurch gleichzeitig ein gutes Fundament für die vorliegende Arbeit geschaffen, da seine eigentliche Leistung darin besteht, dem Originaltext Steinbergers umfangreiche Hintergrundrecherchen vorangestellt zu haben. Anhand von Archivmaterialien und Nachlässen zeichnet Albrich die Persönlichkeiten der vier Goldjäger nach, wodurch die Reiseberichte Steinbergers für den Leser erst greifbar und die sozialen wie politischen Beweggründe für das Tiroler Goldgräberunternehmen sichtbar werden. Der Umstand der gescheiterten 1848er Revolution und die politische Unterdrückung ideologischer Rand-gruppen im Tirol jener Jahre werden vor allem an der Figur des Peter Wöth aus Girlan eindeutig demonstriert. Der wirtschaftliche Notstand jener Jahre spiegelt sich in den Biographien der restlichen drei Abenteurer Steinberger, Baumgartner und Hauser wieder.

Albrich beschränkt sich bei seinen Schilderungen aber nicht ausschließlich auf die Erörterung persönlicher Schicksale, sondern streut in seine Erzählungen immer wieder Hintergrundinformationen in Form von zeitgenössischen Briefen und Zeitungsartikeln ein, die dem Leser das "restaurierte" Tirol ebenso wie das faszinierende Kalifornien jener Jahre näher bringen und vor allem das Phänomen des "Goldfiebers" illustrieren, welches mit zeitlichen Verzögerungen auch nach Tirol überschwappte und eben auch Steinberger und seine Freunde infizierte. Ihre Unternehmung erscheint auf der Basis von Albrichs Recherchen somit weiterhin abenteuerlich, erhält aber letztendlich auch eine plausible Erklärung wodurch sie sich zwar nicht vom Flair, aber letztlich doch vom Kern der Abenteuergeschichten Jack Londons oder Marc Twains unterscheidet.

Nicht zuletzt das tragische Scheitern von Steinbergers Unternehmung holt den Leser am Schluss von den Sphären der Goldgräberromantik auf den kargen Boden der Tatsachen zurück. Gerade deshalb ist Albrichs Publikation in Summe ein wichtiger und facettenreicher Beitrag zur Aufarbeitung der Tiroler Geschichte des 19. Jahrhunderts, der gleichzeitig auch ein Musterbeispiel dafür ist, wie Geschichte anhand von Fakten spannend und mitreisend er-zählt werden kann ohne auf Übertreibungen zurückgreifen zu müssen.


- Joachim Gatterer

 

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